„Haben wir heute schon gesagt, wie gut wir es haben?“ Kristina nimmt meine Hand und drückt sie. „Nicht oft genug, nicht oft genug“ antworte ich und drücke zurück. Wir sitzen am Lagerfeuer neben unserem Zelt im Sequoia National Park. Wir sind alleine – hoffentlich nicht unter Bären. Das Feuer knistert – es ist das einzige Geräusch weit und breit. Durch die Bäume kann ich Sterne sehen. Ein tiefes Gefühl von Zufriedenheit erfüllt uns. Live is good for us! Aber wir haben das nicht geschenkt bekommen. Beide haben wir harte, einsame Zeiten hinter uns.

Der Urlaub hier in Kalifornien hat beschleunigt, was seit Jahren in mir vorgeht. Mit jeder Nacht unterm Sternenhimmel, mit jeder Bergtour oder Wanderung bin ich mir mehr bewusst, wie falsch es ist, 60 Stunden die Woche im Grossraumbüro zu sitzen. Jeden Morgen im Gedrängel am Bahnhof oder im Stau auf der Autobahn zu stehen. Samstag KO daheim zu hocken, zu erschöpft um etwas auf die Beine zu stellen. Konstanter Lärm, ewiger Stress. Anderen mag das Gefallen, mich macht es krank, wenn ich keinen entsprechenden Ausgleich dazu finde. Im Gegensatz dazu: Noch nie sass ich in der stillen Natur am Berg – und habe mir einen Ausgleich DAZU gewünscht!

Hier in den Nationalparks der USA – egal, ob im Wald oder am Meer – habe ich das Gefühl, dass Natur und Menschen nebeneinander leben können. Die Wälder hier sehen ganz anders aus, als wir es in Mitteleuropa kennen. Und sie sind voller Leben. In den letzten drei Wochen habe ich mehr Tiere gesehen, als im ganzen Jahr davor in Europa.

Mule Deer Hirsch im Yosemite Valley

Mule Deer Hirsch im Yosemite Valley

Am Meer standen wir im Morgengrauen am Strand und haben sea elephants zugeschaut. Möwen und Geier sind um uns herumgeflogen. Pelikane fliegen in Formation dicht übers Wasser auf der Suche nach Futter. Einmal haben wir sogar Wale gesehen. Es gibt viele Momente aus diesem Urlaub, die ich nicht als Foto, sondern als inneres Bild festgehalten habe. Mit allen Sinnen. Im Januar am Schreibtisch werde ich manches Mal die Augen schliessen und das Rauschen der Wellen hören. Die schreienden Möwen und das Grunzen der sea elephants. Ich werde mich an das Gefühl von Sand unter meinen Füssen erinnern, an die Sonne im Gesicht und an das Gefühl, Kristina im Arm zu halten.

Pelikane im Flug

Pelikane im Flug

 

Ich habe keine Lösung – aber ich versuche meinen Teil beizutragen

Bei einem Einkauf in Amerika bekomme ich eine Jahresration Plastiktüten aufgezwängt. Unser Jeep schluckt 12 Liter Benzin und dabei fühlen wir uns darin wie in einem Kleinwagen.Wir sind durch Felder gefahren, die bis zum Horizont zu gehen scheinen. In Kalifornien herrscht seit Jahren Dürre. überall weisen Schilder darauf hin, dass Wasser knapp ist.

Wir alle tragen dazu bei, unsere Natur kaputt zu machen. Nur wenige werden das mit Absicht machen. Bequemlichkeit, Unwissenheit oder einfach eine „nach mir die Sintflut Mentalität“.

Eins muss man den Amis jedoch lassen: Auf den Wanderwegen sieht man keinen Müll. Keine Bananenschale, kein Kaugummipapier, kein leerer Energy Drink. Die vielen 1000$-Strafe für Müll Schilder scheinen zu helfen. Zwang statt Selbsterkenntnis?

Auch ich bin schuldig. Ich kaufe auch Dosen, recycle nicht jedes Glas und esse ab und an Fleisch. Aber ich bemühe mich, meinen Teil zu leisten. Ich habe kein Auto, ernähre mich überwiegend vegetarisch, trage eine Jeans bis sie kaputt ist, nicht bis sie ausser Mode ist. Versuche mich dem Massenkonsum unserer Gesellschaft weitgehend zu entziehen. Kleine Schritte.

Fussspuren im Sand

Hinterlasse nichts als Fussspuren im Sand

Unsere mobile Gesellschaft frisst sich selbst

Als Informatiker müsste ich nur selten im Büro sein. Ob ich eine Webseite auf meinem MacBook daheim oder im Büro teste macht keinen sachlichen Unterschied. Dennoch ist Homeoffice bei vielen Kunden nicht erwünscht. Also strampeln wir jeden Morgen ins Büro – in meinem Fall wenigstens meistens im wahrsten Sinne des Wortes: Auf dem Fahrrad.

24 Jahre bin ich inzwischen aus der Schule raus und keine Entscheidung war so gut und hat mir so nachhaltig gut getan, wie das Pendeln nach vielen Jahren einzustellen – what ever it takes. Nicht jeder kann das – aber viele könnten. Statt dessen müssen unsere Arbeitskräfte „mobil“ sein und „flexibel“. Wir strampeln auf der Karriereleiter, um nach Jahren der Selbstzerstörung ein dickes Auto zu fahren und beim Klassentreffen angeben zu können. Geben wir auch damit an, als erster den Herzinfarkt zu haben?

 

Einsamkeit und Stille an einem Bergsee im Sequoia Nationalpark

Einsamkeit und Stille an einem Bergsee im Sequoia Nationalpark

 

I will be back

Im Januar werde ich zurück ins Büro gehen – und ich freue mich drauf. Auf die geistige Herausforderung, auf die Kollegen und auf spannende Projekte. Und es tut gut, dass ich ein gutes Gehalt habe, eine gute Gesundheitsversorgung, Arbeitslosenkasse, Altersvorsorge, etc. Auch dessen wird man sich im Urlaub und in einer Auszeit bewusst.

Tief in meinem Inneren, weiss ich, dass wir Menschen es falsch machen mit unserem Massenkonsum, dem Streben nach möglichst billigen Lebensmitteln und dem ewig mobilen hin und her gehetze. Wenn ich am Abend in meinem Bett liege und auf die Bergfotos an meiner Wand blicke, dann möchte ich dort sein. In Einsamkeit und Stille. Im Einklang mit der Natur.

Als Landschaftsfotograf fange ich diese Stille und die Schönheit der Natur nicht nur in Bildern ein. Ich geniesse die Natur. Und nehme mir für 2017 vor, mehr zu ihrem Schutz zu machen.

Regenbogen am Meer

Regenbogen am Meer