“Wird Zeit, dass Du Dein eigener Chef wirst”, hat Calvin Hollywood unter mein “der Urlaub ist zu Ende” Foto auf Facebook geschrieben. Warum ich anderer Meinung bin und heute nach einem halben Jahr Auszeit gerne zu einem ersten Vorstellungsgespräch bei einem Kunden in Bern gegangen bin liest Du in diesem Blogbeitrag.

Fotograf in Bern: Hobby und Beruf sind nicht das Gleiche

Meine 6-monatige Auszeit naht sich dem Ende. Ab 1 Januar arbeite ich wieder zu 80% als IT-Berater für die Firma SwissQ AG aus Zürich. Heute hatte ich bereits einen ersten Termin bei einem potentiellen Kunden hier in Bern und im Dezember werde ich ein paar Tage ins Büro gehen. Diese Flexibilität gehört bei meiner Position ein wenig dazu und ich mache das gerne. Und das ist der wichtigste Punkt: Ich bin seit 1999 in der IT und wäre dort nicht, wenn ich das nicht gerne machen würde. Ich habe mir dort viel aufgebaut, bin ein Experte in meinem Gebiet mit einem über 17 Jahre aufgebauten Ruf. Man kennt mich nicht nur unter Fotografen, auch unter Software Testern falle ich gerne mal auf.

Eureka Düne im Death Valley - Sonnenuntergang

Eureka Düne im Death Valley – Sonnenuntergang

Natürlich sitze ich lieber mit Kristina auf der Düne im Death Valley als im Büro in Zürich. Aber nur, WEIL ich im Alltag im Büro hocke. Würde ich seit 17 Jahren vom Reisen leben, dann würde ich mir wünschen, auch mal ein paar Monate in geregelten Verhältnissen zu leben und könnte Flughäfen nicht mehr ausstehen. Was wir im Leben wirklich wollen ist doch das, was wir nicht oder nur selten haben. Und vor allem wollen wir Freiheit haben. Und wir wissen zwar meist, was wir NICHT wollen, aber nicht immer WAS wir eigentlich genau wollen.

Wir wissen häufig, was wir nicht wollen – aber nicht genau was wir wollen.

Was ich wollte: Die beiden Bücher schreiben. Und sie richtig schreiben. Nicht nebenbei am Feierabend. Der Erfolg bestätigt mir, dass es sich gelohnt hat. Die Auszeit war für mich aber auch eine wichtige Probe: Nicht nur, ob ich vom Fotografieren leben kann (kann ich), sondern auch ob ich das möchte (nur bedingt). Mir war wichtig, herauszufinden, wie sich meine Einstellung zur Fotografie ändert, wenn ich es Hauptberuflich mache. Quasi Berufsfotograf auf Probe.

Meine 80% Festanstellung und ein grosszügiges Urlaubskontingent geben mir alle Freiheit meine Pläne zu realisieren. Ich bin gut versichert, bekomme mein Geld auch, wenn ich mal krank bin und ich habe jede Woche ein langes Wochenende! Meine Freundin arbeitet auch nur 4 (sehr lange) Tage, so dass wir jedes Wochenende einen Kurzurlaub machen können. Erklär mir doch mal, warum wir das aufgeben sollten?

Als Fotograf in Bern Geld verdienen

Mein Einkommen der letzten Monate stammt aus Werbeeinnahmen, den Verkäufen der Bücher und Tutorials und Auftragsarbeiten. In meinem Fall sind das Bewerbungsfotos, bzw. Mitarbeiterfotos. Das läuft gut, man kennt mich inzwischen. Nicht nur habe ich eine Reihe Stammkunden, es kommen auch immer öfter Anfragen aufgrund von Empfehlungen. Das aufzubauen dauert natürlich ein paar Jahre und langsam greift es.

Rennrad Akt Fotografie im Fotostudio

Rennrad Akt Fotografie im Fotostudio

Interessanterweise kommen auch immer öfter Kunden zu mir, weil sie mich von Youtube kennen. Der Bewerber von Montag z.B. ist Geografie Student und hat sich ein Kamerastativ aufgrund eines meiner Videos gekauft. Neben dem Fotografieren haben wir dann diskutiert, warum es im Death Valley in der Nacht einen konstanten Wind hatte. Und genau DAS ist es, warum ich gerne fotografiere: Man lernt interessante Leute kennen.

Möchte ich die nächsten 25 Jahre von Bewerbungsfotos leben? Nein. Definitiv auch nicht von Hochzeiten oder Modefotografie und das schränkt die finanziellen Möglichkeiten deutlich ein. Sportler zu fotografieren ist eine Leidenschaft von mir und in diesem Bereich mache ich viel gratis oder gegen eine Spesenentschädigung. Gestern Abend kam eine Gruppe Rettungsschwimmer (“stellen Sie sich Baywatch vor”) zu mir. Voll cool, da hatte ich Spass dran – weil ich das noch nie gemacht habe.

Zurück zu Calvin Hollywood. Er macht sehr vielseitige Dinge und ist weniger Fotograf, als… Entertainer? Trainer? oder wie auch immer man das bezeichnen möchte. Wenn Du ihm auf Facebook folgst, dann wirst Du sehen, dass er ständig in irgendwelchen Hotels sitzt und über die Internetverbindung schimpft. Ich habe viele Jahre in Hotels gewohnt und weiss, wie sich das aufs Privatleben auswirkt. Hat alles seinen Preis.

Die “Problematik” für mich ist also: Ich habe einen sehr interessanten und abwechslungsreichen Beruf in dem ich mit 80% mehr verdiene, als ich zum Leben brauche. Das würde ich nur aufgeben, wenn ich etwas finden würde, dass mich intellektuell fordert. Und abwechslungsreich genug ist, um mich für die nächsten 25 Jahre zu beschäftigen.

Female Triathlete running out of a lake in Switzerland near sunset. Frau Triathlete rennt bei Abendsonne aus einem See bei Bern, Schweiz. Neoprenanzug und Schwimmbrille

Triathlon an einem See bei Bern, Schweiz

Wenn der Urlaub zur Arbeit wird

Wir sitzen in der Nachmittagssonne am Hotelpool in Carmel, Kalifornien. Eigentlich haben wir Sonnenuntergang am Meer geplant, ich muss noch eine der Brücken vom Highway One bei sunset fotografieren. 40 Minuten Fahrt pro Richtung, aber das Foto steht nunmal auf der Liste. „Sollen wir heute Nachmittag mal am Pool sitzen bleiben und am Abend essen gehen?“, frage ich über den Monitor von meinem MacBook gebeugt. Kristina schaut mich schief an. „Geht es Dir gut?“ Fragt sie mich – halb ernst. „Mhm, ich hab einfach keine Lust, noch mal loszufahren. Wir sind im Urlaub!“ antworte ich und schnappe mir ein Bier aus dem Kühlschrank. An diesem Abend bleiben wir im Hotel.

Im Urlaub in Kalifornien haben wir eine gute Zeit gehabt – solange wir offline unterwegs waren. Ab Yosemite (Reisebericht) ist das ein wenig gekippt, weil ich eine Reihe konkreter Zielfotos im Sinn hatte. Es ging dann ein wenig von “was wollen wir heute machen” hin zum “wir müssen um 16:00 am Tunnel View stehen”. Nicht, dass es nicht schön ist am Tunnel View – aber die 50 anderen Fotografen stören die Romantik des Sonnenuntergang dann doch ein ganz wenig.

Deswegen gebe ich auch keine Landschaftsfotografie Workshops – noch nicht. Und deswegen gibt es von mir auch noch keine Fotoreisen. Angefragt werde ich diesbezüglich natürlich häufig und ich denke, dass ich da auch etwas bieten könnte, was viele andere Fotografen nicht können. Und ich hätte da auch Spass dran – wenn ich es selten mache und nicht machen muss, um zu überleben. Deswegen mache ich nur eine Handvoll Portrait Workshops im Jahr. Die sind inzwischen frühzeitig ausgebucht und ein Riesenspass für alle – inkl. mir.

Ich habe eine Zeitlang als Dozent an der Berner Fachhochschule gearbeitet. Die ersten Vorlesungen waren super, aber nach zwei Jahren ist es halt Routine und man verbringt viel Zeit mit Administration, Emails, Klausuren korrigieren, etc. Dann wird es einfach zu einem Job oder gar zur “Arbeitsbelastung”. Das Gleiche soll mir mit Workshops oder Fotoreisen nicht passieren.

Workshop Bern Frühling 2016

Workshop Bern Frühling 2016

Heute ist nicht alle Tage

Um zum Punkt zu kommen: Ich gehe gerne zurück in meinen Hauptberuf und behalte das Fotografieren ein wenig auf der Nebenbei-Schiene. Dadurch kann ich mir die Rosinen rauspicken. Ich kann Projekte gratis realisieren, auch mal Anfragen ablehnen. Ich behalte den Spass an der Fotografie bei. Und vor allem: Ich bin sehr dankbar für meine Situation als Rosinenpicker. Das habe ich mir über viele Jahre aufgebaut und jetzt werfe ich sicher nicht alles über den Haufen.

Das ist der Stand November 2016. Im November 2017 mag das anders aussehen. Vielleicht ziehe ich dann zurück nach Deutschland oder kaufe mir ein Wohnmobil in Australien. You never know. Ich bin ja noch jung