Auf einem Gletscher in den Alpen unterwegs zu sein ist immer etwas spezielles. Egal wie oft man dort ist, es verliert für mich nie seinen Reiz. Aber IN einen Gletscher reinzugehen? Oder gar noch darin zu klettern? Das ist dann schon ein sehr sehr spezielles Gefühl. Am Ostersamstag waren wir am Gletschertor der Lonza, im Wallis zum Eisklettern. Höhlenklettern im ewigen Eis. Hier der Erfahrungsbericht dazu…

Eiskletterer beim Eisklettern Sportfotograf Schweiz

Eisklettern an einem Gletscher in den Alpen, Wallis, Schweiz – Iceclimbing on a glacier in the Swiss alps

Morgenstund braucht Kaffee im Mund

Als der Wecker um 05:30 klingelt liege ich schon lange im Bett und grübel, was mir nachts eingefallen war. Irgendwas wollte ich noch einpacken! “Grmph!” Es will mir nicht einfallen, also stehe ich mit einem angenervten Grunzen auf und halte den Kopf unter den kalten Wasserhahn.
Zum Frühstück gibts Reis, 2 hartgekochte Eier, eine Paprika. Dazu zwei grosse Tassen Kaffee – schwarz, kein Zucker. In der Wettkampfzeit gelernt und seit dem beibehalten: Kohlenhydrat-Level nach der Nacht noch mal Toppen, ein wenig extra Eiweiss und Vitamine. Wenig Fett, kein Gluten, keine Milch oder Fructose. Just in case…
Thermoskanne! Das wars. Ich wollte ne Kanne heissen Grüntee mitnehmen!

Als Hauptkamera wähle ich die Nikon D750 mit dem exzellenten 14-24mm F2.8. Knapp 2kg, die ich da stundenlang durch den Schnee der Schweizer Alpen schleppen muss – aber die sind es für dieses Shooting wert! Filmen werde ich, wie üblich, mit der Panasonic G70 mit dem Sigma 18-35mm Objektiv.

Kameras, Objektive, Stative, Helm, Steigeisen, Fotografie Ausrüstung für das Fotografieren von einem Eiskletterer aus Bern, Schweiz.

Kameras, Objektive, Stative, Helm, Steigeisen, Fotografie Ausrüstung für das Fotografieren von einem Eiskletterer aus Bern, Schweiz.

Bernhard und Fabian treffe ich am Kiss and Ride Platz am Bahnhof in Bern. Mit dem Auto geht es per Autoverlad durch die Alpen über Kandersteg nach Blatten im Wallis.

helm-stativ-fotorucksack-bern

Aufstieg zum Gletscher

Mit Bernhard, einem sehr erfahrenen Eiskletterer, und Fabian, den ich vom Slacklinen in Bern kenne, marschieren wir in Blatten bei bestem Wetter los. Obwohl wir drei sehr erfahrene Tourengänger sind, haben wir uns irgendwie überlegt, dass Schneeschuhe oder Tourenski zu einfach wären. Also gehen wir ohne los. Keine gute Idee. Bernhard ist übrigens einer derNon-Flat-Athletes von Buff. Mit ihm auf Tour zu sein ist . . . nie langweilig.
Wir sind schon rund 2 Stunden unterwegs, als ich einen Aufschrei vor mir höre. Bernhard ist bis zum Hals eingebrochen! Fabian eilt ihm zur Hilfe, während ich die Kamera zücke. Prioritäten setzen! Mit der Sonne haben wir Tageserwärmung und die Schneedecke hält nicht mehr überall. Ab hier gehen wir etwas vorsichtiger.

Gletscherspalte-Einbrechen-Unfall-Eisklettern-Schweiz

Kurz darauf merken wir, dass wir auf der falschen Seite der Lonza sind. Ich habe das GPS daheim gelassen, die Navigation sah am Computer einfach aus. Im Winter gibt es hier aber keine Wege. Daher sind wir einer Ski Spur gefolgt und diese biegt in die falsche Richtung ab. Damn! Ich prüfe, ob wir hier die Lonza überqueren können, aber es geht steil zum Bachbett runter: “Hier können wir nicht runter, no way!”
Bernhard schaut sich das kurz an, zieht die Gamaschen höher – und beginnt den Abstieg. Er ist der Mann ohne Nerven. Auf einer Schneezunge überquert er die Lonza direkt an einem hübschen Wasserfall.

 

Eisklettern Wallis Schweiz

Fabian und ich warten, bis er sicher rüber ist. Während Bernhard das Seil parat macht – für den Fall einer Notrettung – beginnen wir vorsichtig den Abstieg. Ein wenig mulmig ist es mir schon, über dem Gletscherwasser zu laufen. Wenn ich hier einbreche, ist das kein Spass mehr!
Richtig streng wird dann aber der Aufstieg. Durch hüfttiefen Schnee kämpfen wir uns einen Steilhang hoch (siehe Fotos). Keine einfache Aufgabe mit den schweren Rucksäcken. Nass und erschöpft finden wir schliesslich eine frische Skispur und folgen ihr weiter dem Gletscher entgegen.

 

Aufsteig in tiefem Schnee im Wallis

Aufsteig in tiefem Schnee im Wallis

Während dreieinhalb Stunden habe ich viel Zeit, darüber nachzudenken, warum ich 2kg Nikon Kamera im Rucksack habe, statt der Sony A6000 mit dem 12mm Samyang, wie bei den letzten Eiskletter Touren mit Bernhard. Als wir im Februar in der Gletscherspalte auf 3000m geklettert sind, hat die Sony mir doch sehr gute Dienste geleistet!

Eisklettern-Gletscher-Schweiz-Bern-Sportfotograf

Das Problem ist, mal wieder, ich will mehr. Mehr Dynamic Range und mehr Randschärfe. Auf Schnee und Eis sieht man den Fotos an, dass sie am Rand etwas Struktur verlieren – auch bei Blende 8. Vielleicht sehe nur ich das und nur am grossen Bildschirm, aber bei dieser Art der Sportfotografie ist es mir das Gewicht wert (nicht aber den Kaufpreis). Ausserdem habe ich mit 14-24mm ein wenig Spiel mit dem Bildausschnitt. Ich weiss nicht, wie gross die Eishöhle sein wird, aber ich kann mich mit Sicherheit nicht frei bewegen. Das 12mm Samyang schränkt mich da etwas in den Möglichkeiten ein.
Immerhin, wir haben strahlenden Sonnenschein. Viel besser als die letzten Male. Eisklettern macht man normalerweise nur bei schlechtem Wetter. Das Eis verträgt sich nicht mit Sonne. Aber auf Fotos kommen Eis und Sonne sehr gut!

Sichern-Eisklettern-Kandersteg-Schweiz-Fotograf

Am Gletschertor

“Ich brauche noch mal ne Riegel-Pause” keuche ich nach dem wir rund dreieinhalb Stunden unterwegs sind. Die Schneedecke hält nicht, wir brechen bei jedem Schritt ein, das kostet unglaublich viel Kraft. “Lass uns noch da vorne um die Ecke gehen, ich glaube ich sehe die Höhle”, antwortet Bernhard. Und tatsächlich, ein paar Meter weiter kann auch ich etwas sehen, dass eine Höhlendecke darstellen könnte.

Eisklettern an einem Gletscher in den Alpen, Wallis, Schweiz - Iceclimbing on a glacier in the Swiss alps

Eisklettern an einem Gletscher in den Alpen, Wallis, Schweiz – Iceclimbing on a glacier in the Swiss alps

Erschöpft sinken wir vor der Höhle auf die Rucksäcke. Geschafft! Nach einer ausführlichen Brotzeit geht es an das Einrichten der Route.

Vorbereiten für das Höhlenklettern

“Etwas weiter links wäre super!” ich balanciere auf blankem Eis und dirigiere Bernhard beim Einrichten der Route. “Und pass bloss auf die Eiszapfen auf, brech mir keinen davon ab!”

Eisklettern an einem Gletscher in den Alpen, Wallis, Schweiz - Iceclimbing on a glacier in the Swiss alps

Eisklettern an einem Gletscher in den Alpen, Wallis, Schweiz – Iceclimbing on a glacier in the Swiss alps

Ich bin kurz durch die Höhle gestreift und habe mir verschiedene Winkel angesehen, während Bernhard und Fabian diskutieren, wo Eisschrauben gesetzt werden können. Wir einigen uns darauf, an der Kante zu bleiben, da habe ich das meiste Licht und kann die bis zu 2m langen Eiszapfen mit in die Komposition einbinden. Auch kann ich mich hier im Eingangsbereich der Höhle relativ frei bewegen und somit verschiedene Blickwinkel einfangen. Letztlich entscheidet aber Bernhard, wo es lang geht. Sicherheit geht immer vor!

Eisklettern an einem Gletscher in den Alpen, Wallis, Schweiz - Iceclimbing on a glacier in the Swiss alps

Eisklettern an einem Gletscher in den Alpen, Wallis, Schweiz – Iceclimbing on a glacier in the Swiss alps

Dank dem Nikon 14-24 Objektiv kann ich voll in die Sonne halten. Ich muss nicht mal HDR Fotos machen – auch wenn ich überwiegend Belichtungsreihen von 3 oder sogar 5 Bildern (+/- 2 Blenden) mache. Just in Case. Die D750 hat genügend Dynamic Range und das Objektiv ist extrem resistent gegen Flair. Das ist sonst bei Ultraweitwinkel-Objektiven durchaus ein Problem.

Fotograf aus Bern - Stephan Wiesner

Fotograf aus Bern – Stephan Wiesner

Im Schatten der Höhle kann ich zwischendurch Fotos aufs MacBook laden und kontrollieren. Kurz besprechend wir gemeinsam, welche Blickwinkel am besten kommen. Dann heisst es für Bernhard: Noch mal!
Das muss man sich so vorstellen: Zunächst wird die Route eingerichtet. Bernhard setzt eine Eisschraube und hängt sich daran. Fabian sichert ihn mit dem Seil. Dann nutzt Bernhard den Pickel und steigt ein, zwei Meter höher, um dann die nächste Eisschraube zu setzen. Teilweise setzt er dazu eine kurze Strickleiter ein. Stück für Stück wird so die Route eingerichtet, bevor er sie wirklich klettern kann. Das ist nicht nur zeitaufwendig, es bedingt auch sehr viel Erfahrung. Er muss abschätzen können, was überhaupt kletterbar ist. An dieser Decke hat evtl. noch niemand vor uns geklettert! Auf jeden Fall haben wir keine Anleitung (Topo) und müssen selbst die genaue Position der Route festlegen. Dabei hilft es nicht, dass ich rumstehe und Anweisungen gebe, welche die Route etwas … fotogener machen würden 🙂
Dann beginnt das eigentliche Klettern. Da es sehr viel Kraft kostet, haben wir nur 2 Versuche – mit längerer Pause dazwischen. Das Problem ist dabei, dass es in der Horizontalen keinen richtigen Halt für die Füsse gibt. Beim normalen Klettern kann man die Füsse häufig irgendwo “hooken” (auflegen) und somit etwas Gewicht von den Armen nehmen. Das ist hier so nicht möglich.

 

Eisklettern-Gletscher-Eiskletterer-Fotograf

Eisklettern-Gletscher-Eiskletterer-Fotograf

Going Home

“Sch… hier ist Stein, kein Eis!” Bernhard steht ca. 7m über dem Boden an der Decke der Höhle. Er wollte eine Eisschraube oberhalb der Route setzen, kommt jetzt aber nicht hin, weil sich unter dem Schnee nicht das erwartete Eis verbirgt, sondern nackter Fels.

Eisklettern-Sonnenuntergang-Wallis-Schweiz

Der Abbau ist immer eine heikle und gefährliche Sache. Alle sind müde und frieren, jeder will schnell nach Hause – und wir haben noch über 2 Stunden Abstieg im Dunkeln vor uns. Das Problem hier ist, dass wir nicht einfach zur obersten Eisschraube hingehen können. Also müssen wir eine Möglichkeit finden, wie wir alle Eisschrauben rausholen – ohne dass jemand abstürzt. Da kommen dann häufig Szenen vor, die man lieber keinem erzählen sollte…

Fazit

Einer der Hauptgründe, warum ich Fotograf geworden bin ist, dass ich mit super faszinierenden Menschen in Kontakt komme. Im Sportbereich ergeben sich damit Möglichkeiten, die ich sonst nicht hätte. Eisklettern in einem Gletscher mit erfahrenen Kletterern? Wie cool ist dass denn? 🙂 Da lohnen sich die Strapazen des Zustiegs und das Frieren im Schnee auf jeden Fall! Im Gegensatz zu “normaler” Landschaftsfotografie ist Bergsteigen ein Teamsport. Und nichts schweisst so zusammen, wie sich gegenseitig das Leben in die Seil-Hand zu legen und über einem Abgrund zu hängen.
Als Fotograf in Bern habe ich da eine sehr gute Ausgangsbasis und freue mich auf weitere tolle Abenteuerfotos in diesem Jahr…
Iceclimbing-Sunset-Glacier-Switzerland-photographer