Bei der letzten Mitarbeiterbesprechung hat mein Chef mich gefragt, wie ich das nur schaffen würde, so viel zu arbeiten und dann so viel zu fotografieren. Ich hoffe er liest diesen Beitrag nicht mit, denn statt der vielen Überstunden, die er hier vermutet, arbeite ich nur noch sehr selten mehr als meine Regelarbeitszeit – und schaffe dennoch mehr als viele andere. Wenn ich sage, dass ich in zwei Monaten zwei Bestseller geschrieben habe, dann glauben mir das nur Leute, die mich kennen. Wie ich das geschafft habe – und wie ich zwei Fulltimejobs über Jahre parallel gestemmt habe liest Du in diesem Beitrag.

Der grosse Irrtum: Wer mehr Arbeitet schafft nicht mehr

In meinen 13 Jahren als IT-Berater habe ich ein paar Lektionen gelernt. Eine der wichtigsten ist:

Jeder hat eine individuelle Maximal-Arbeistzeit, in der er maximale Produktivität bringt.

Niemand kann über einen langen Zeitraum 90 Stunden Wochen schieben und 90 Stunden geistige Hochleistung bringen. In Projekten habe ich das immer wieder gesehen: Gegen Ende werden die Zügel angezogen. Wir sitzen am Abend immer länger im Büro, manches Wochenende wird durchgearbeitet – und ich als Software Tester finde immer mehr Fehler. Wir haken mehr Features ab, aber unser effektives Tempo wird dann meist langsamer, nicht schneller. Es werden zwar mehr “Features realisiert”, aber nicht mehr in der notwendigen Qualität. Der Go-Live muss schliesslich verschoben werden und wir brauchen zwei Wochen, um aufzuräumen.

Gleiches gilt für Berater, die nur noch für ihren Beruf leben. Aus 10 Stunden Tagen werden 12, dann 15 – aber der Output bleibt gleich. Teilweise steigt allerdings der Lohn mit der Mehrarbeit, so dass eine Motivation existiert, dieses Verhalten fortzusetzen. Immer wieder höre ich Kollegen prahlen, dass sie regelmässig 70 Stunden im Büro sind. Ich mache dann die richtigen Grunzgeräusche, roll innerlich die Augen und geh laufen. Oder fotografieren. Denn ich habe mein Pensum schon abgearbeitet, er nicht.

Ob Deine Grenze nun bei 30 oder 50 Stunden liegt, das hängt von vielen Dingen ab. Deiner Gesundheit, Deinem Alter, Umfeld, etc. Und von Deinem Ego. Vor allem, wenn Du ein Mann bist…

Die wichtige Lektion ist jedenfalls: Mehr Zeit zu arbeiten senkt irgendwann die Produktivität und man schafft in mehr Stunden weniger, als in wenigen.

Fun-Selfies im Fotostudio in Bern

Fun-Selfies im Fotostudio in Bern

Stress entsteht durch Hilflosigkeit, nicht durch zu viel Arbeit

Im Berufsalltag kenne ich eine Reihe von Burnout-Opfern. Und ich kenne viele Leute, die täglich lange in der Cafeteria sitzen und jammern, wieviel sie zu tun haben oder die Stunden damit verbringen, Aufgaben zu priorisieren, Tasks zu schieben und den Tag zu vertrödeln – um dann am Nachmittag um vier aus dem Büro zu gehen und zu klagen, wie streng sie es hätten. Diese Personen fühlen sich überfordert. Sie werden immer langsamer, ihr Eingangskorb füllt sich, sie verlieren den Überblick und ihr Stressfaktor steigt. Für sie intern ist das absolut real. Sie fühlen sich überarbeitet. Für mich von aussen habe ich das Gefühl, sie würden kaum noch arbeiten. Wie ich meine Burnout Phase überwunden habe kannst Du in diesem Artikel nachlesen.

Klar ist: Wer es schafft, nur soviel anzunehmen, wie er auch überschaubar lösen kann, der ist klar im Vorteil.

Abhaken statt Priorisieren

Als Berater habe ich häufig mehrere Kunden zu betreuen. Dazu war ich lange Dozent an der Berner Fachhochschule. Als Fotograf in Bern habe ich manchmal Fotografie-Termine schon Monate im Voraus, teils sehr spontan. Klar ist: Mein Kalender ist voll. Er ist auch deswegen voll, weil ich keine grossen Todo-Listen habe und weil ich nicht priorisiere. Ja, Du hast richtig gelesen. Jeder Produktivitäts-Coach wird jetzt aufschreien: Ich müsste eigentlich lange Listen führen, sie priorisieren und das Wichtigste zuerst abarbeiten. Statt dessen bin ich bekannt dafür, dass ich Dinge extrem schnell erledige. Häufig gehen wir aus einem Meeting raus und in den Besprechungsnotizen steht Task X: Wiesner: Erledigt.

Die Logik dahinter ist: Es gibt keine Prioritäten. Entweder ich mache etwas, oder ich mache es nicht. Und wenn ich es mache, dann ist nur die Frage wann. Sobald der Task reinkommt erledige ich ihn – falls möglich. Falls nicht, setze ich mir einen Termin und streiche es aus meinem Bewusstsein. Dadurch habe ich immer nur eine Sache im Kopf (siehe unten). Bei mir im Beruf geht es häufig um hoch komplexe Angelegenheiten, in die ich mich einarbeiten muss, um das Problem zu verstehen (und priorisieren zu können). Das mache ich, wenn möglich, nur einmal.  Wenn eine Mail reinkommt, dann lese ich sie entweder noch nicht – oder löse sie auch gleich. Nur selten schiebe ich Mails in meinen Todo-Ordner. Entsprechend ist meine Mailbox am Abend auch meist leer oder zumindest überschaubar.

Heute kam eine Mail rein von einem grossen Fotografie-Kunden von mir. In zwei Wochen habe ich einen Event und die Agenda steht jetzt. Ich habe kurz geprüft, dass ich den Termin wirklich im Kalender habe (seit März) und die Mail archiviert. Die schaue ich mir erst am Morgen des Events an. Bis dahin ist mein Kopf frei für andere Sachen. Hätte ich mich jetzt intensiv mit der Agenda beschäftigt und geplant, was ich wann mache – dann hätte ich das bis in zwei Wochen vergessen. Kein Nutzen für meine Zeit.

Klingt einfach? Aber Du redest Dir beim Lesen schon ein, dass es für Dich nicht möglich ist, weil Du so viele Abhängigkeiten, Verpflichtungen, etc. hast? ähm, ich auch. Haben wir alle. Nur gehen wir unterschiedlich damit um.

 

Elbsandsteingebirge bei Sonnenuntergang fotografieren

Elbsandsteingebirge bei Sonnenuntergang fotografieren (Foto by Philipp Zieger)

Buchempfehlungen für mehr Fokus und Produktivität

Fokus auf die Eine Sache

Bist Du jemand, der eine harte Deadline braucht? Die halbe Diplomarbeit wird in der letzten Woche geschrieben, für die Klausur erst in der Nacht davor gelernt? Die Fotos von der letzten Hochzeit waren vor zwei Wochen fällig und der Kunde fragt bereits nach? Wir alle kennen Situationen, in denen wir unglaublich viel gerissen haben. Voll fokussiert haben wir Tag und Nacht an einem Projekt gearbeitet. Weil wir motiviert waren. Im Alltag hingegen sind wir zerrissen. Mails checken, Meetings, die Kinder abholen, tausend Sachen zerreissen uns den Tag.

In dem Buch The One Thing (Affiliate Link) greift der Autor das Thema auf und präsentiert die offensichtliche Lösung:

Finde die eine Sache, die Dich aktuell beschäftigt. Das wirklich wichtige in Deinem Leben – neben der Familie.

Es klingt so einfach und ist im Alltag so schwer: Fokussieren. Im Sommer habe ich das Landschaftsfotografie-Buch geschrieben. Alles Andere in meinem Alltag hat sich dem unterzuordnen gehabt. Ich bin dennoch einkaufen gegangen, habe Hausputz gemacht, Mails beantwortet und (zu wenig) Zeit für meine Freundin gehabt. Aber jede freie Minute habe ich geschrieben, für das Buch fotografiert oder recherchiert. Am Morgen habe ich ungeduldig auf 5 Uhr gewartet – damit ich endlich aufstehen und weitermachen darf. Am Abend habe ich mich gezwungen den Mac auszumachen – weil ich das Kapitel noch mal überarbeiten wollte. Es gab für mich nicht die Frage “Sofa oder schreiben?” Weil das Schreiben wichtiger war als mein Schlaf, als meine Erholung, als das Sofa

Für kurze Phasen können wir das. Meist zwingt uns eine Deadline dazu. Aber es spricht nichts dagegen, sich selbst Prioritäten zu setzen. 

Ob man dafür das Buch lesen muss sei jedem selbst überlassen. Der Titel verrät den Inhalt. Und den Begriff „The ONE THING“ habe ich in meinen täglichen Wortschatz übernommen. Wichtiger Praxistipp: Schreib es in einem kurzen Satz auf und häng es an den Badezimmerspiegel, Kühlschrank und über Deinen Monitor. Im Alltag wirst Du Dich immer wieder beim Verzetteln erwischen – und dann hilft dieser Satz. Ausserdem:

Wenn Du es nicht in einem kurzen Satz formulieren kannst – dann hast Du kein konkretes Ziel.

Praxisbeispiele aus meinem Leben:

  • Das Landschaftsfotografie Buch bis 15.08 fertig haben
  • Den Luzern Marathon 2009 in 3 Stunden laufen
  • Das Projekt X im Büro rumreissen
  • Den höchsten Vulkan der Welt selbstorganisiert besteigen
  • Meinen Youtube Kanal in diesem Jahr um 50% wachsen lassen
  • Ins Elbsandsteingebirge fahren und drei Fotos mitbringen, die über 1000 Likes auf Instagram bringen
  • etc.

Ein grosses Ziel besteht aus vielen kleinen Zwischenschritten – und Hindernissen. Wie man das dann konkret zerlegt und umsetzt ist ein Thema für einen anderen Blog. Aber alles fängt mit einer konkreten Vision an.

Disziplin stammt aus Motivation

Disziplin stammt aus Motivation

Fazit

Produktivität ist eine Frage der Motivation. Du denkst, es braucht “einfach 10.000 Stunden” um erfolgreich zu sein, wie man es z.B. in dem Buch Outliers von Malcom Gladwell beschrieben wird? Nein. Es braucht bewusstes, hartes Training, nicht Routine. 10.000 gelangweilte Stunden werden Dich nicht besser machen. Das geht nur mit Motivation, wie es in Peak: Secrets from the New Science of Expertise sehr deutlich beschrieben wird.

Die Motivation für grössere Dinge aufrecht zu erhalten geht nur, wenn Du ein klares Ziel vor Augen hast.

Wenn an Deinem Kühlschrank oder Badezimmerspiegel noch kein Zettel mit Deiner Vision hängt, dann könnte das der Grund sein, warum Dein Tag nicht so produktiv ist, wie Du das gerne hättest, oder? Fakt ist jedenfalls, niemand kann langfristig 16 Stunden am Tag mit maximaler Produktivität arbeiten. Also kann man auch akzeptieren, dass man nur 6 arbeitet, in denen aber das Maximum gibt. Dann hat man 10 Stunden für den Rest – und schafft insgesamt mehr als mancher selbsternannter Workaholic.