“Das wichtigste Foto von mir hängt seit 40 Jahren bei meiner Mama in der Küche!” Robin Kirchhofer und ich sitzen im Auto und fahren vom Fitness-Shooting bei Uniksports zurück zu mir. Drei Stunden Pause, dann geht es an die Aare für ein Lichtmalerei-Shooting im Dunkeln. “Du fotografierst 30 Kinder, Portraits und Gruppenfotos in 45 Minuten?” Ich kann nicht glauben, was Robin mir da grade erzählt. Dachte ich bislang, dass ich flott wäre, weil ich 30 Studenten an einem Nachmittag fotografieren kann, bringt er das auf ein ganz neues Tempo-Niveau. “Komm, das musst Du mir zeigen!”

Kinder-Fotograf in Bern

Kinder-Fotograf in Bern

 

Fotostudio-Aufbau in 7 Minuten

Wir beschliesse, die Probe aufs Exempel zu machen und so schleppe ich ein paar Minuten später Robins Fotokoffer zu mir in den vierten Stock. Im Video könnt ihr sehen, wie schnell er das Fotostudio aufbaut, die Lichter einstellt und Fotos macht. Erschwerte Bedingungen in meiner Dachwohnung und mit meiner Frisur. Er arbeitet in JPG, also müssen Belichtung und Weissabgleich stimmen. Wenn er am Abend mit einer vollen SD Karte heim kommt, dann bezahlt ihn niemand dafür, RAW-Dateien zu justieren.

“Das Haarlicht machen wir wieder aus, sonst leuchtet Deine Glatze zu doll.” Ja, mhm, danke Robin.

Das Fotostudio wird immer gleich aufgebaut. Schnüre stellen sicher, dass die Lichter im fixen Abstand aufgestellt werden, der Belichtungsmesser garantiert die korrekte Belichtung. Damit sind die Resultate “austauschbar”, was hier gewollt ist. Ich habe zwei Brüder und man sieht unseren Kindergartenfotos an, dass sie vom gleichen Fotografen stammen – inkl. dem gleichen, runtergereichten Pullover.

Predige ich normalerweise, dass man Männer in meinem Alter nicht mehr vor 70cm Softboxen setzen sollte, so muss ich sagen, dass ich für ein Out-of-Camera JPG überraschend knackig aussehe. Fast noch mal wie… 40? Das Blau des Hintergrunds hilft mir hier allerdings. Blau kommt immer gut!

 

Leben als Fotograf in Kindergärten und Schulen

“Ohne Konkurrenz wäre alles anders”, erzählt Robin mir, “das halbe Jahr sitze ich im Auto und mache Akquise”. Das Geschäft mit den Fotos unserer Kinder ist heiss umkämpft. Entsprechend sind die Margen gering und die Abläufe müssen hoch effizient sein. Dienstfahrzeug, Kamera und Blitzausrüstung, die Anfahrt, Nachbereitung inkl. Druck und Versand. Alles muss schnell und reibungslos funktionieren, um die Kosten zu decken. “Am Abend schicke ich die Karte per A-Post ins Labor”, fährt Robin fort, “die Datenmengen sind viel zu gross für eine Cloud-Lösung.” Er arbeitet in einer Firma, die darauf spezialisiert ist. Über 6000 Institutionen werden jedes Jahr fotografiert. Tausende Kinder und Lehrer, hunderte Portraits am Tag. Jeden Tag.

“Lehrer bekommen die Fotos gratis, für die Kinder kann man verschiedene Sets auswählen. Das Gruppenfoto gibts auch immer gratis.”

“Musst Du noch mal hin, wenns schief läuft?”, will ich wissen.

“Wenn ich es total unbrauchbar mache, dann muss noch mal einer hin, ja. Dann wird ein anderer Fotograf geschickt. Das ist mir aber bislang zum Glück noch nie passiert. Was auch sein kann ist das die Eltern die Bilder verweigern, z.B. weil das Kind total schiefer Brille auf dem Foto ist oder die Eltern sonst etwas stark stört. Dann muss ich noch mal hin.” Robins Augenbrauen ziehen sich zusammen, als er das sagt. Ich frage nicht nach, ob ihm das schon passiert ist.

Musiker und Fotograf Robin in Zürich mit seinem Saxophon

Kennen gelernt habe ich Robin, natürlich, über die Fotografie. Ich hatte einen Musiker zum Fotografieren gesucht und er hat sich gemeldet. Er repariert Musikinstrumente und das erste, was ich dort machen durfte, war eine alte Trompete mit einem Hammer zerbeulen. Kein Wunder war Robin mir von Beginn an sympathisch! Inzwischen haben wir schon etliche Male zusammengearbeitet.

 

Zeitdruck und viel Fahrerei

“Ich mache das jetzt ein halbes Jahr. Am Anfang war es total stressig, aber inzwischen bin ich routiniert. Die viele Fahrerei ist nicht so schön, aber ich bin viel früher zu Hause als früher.”

“Wird das nicht schnell langweilig, immer genau das gleiche zu machen?”

“Irgendwas geht immer schief, bislang lerne ich noch sehr viel. Das ist Handwerk, dass ich für die Fotografie gut brauchen kann. Jedes Schulzimmer ist anders, die Kinder im Berner Oberland reagieren ganz anders, als in Zürich. ”

Ich nicke weise. “Mhm, kann ich mir gut vorstellen.” Einen Moment schweigen wir, hängen in Gedanken bei “schwierigen Fällen”. Er bei seinen Kindern, ich bei selbstkritischen Personen für Mitarbeiterfotos.

“Dadurch dass ich viel mehr Zeit habe kann ich privat mehr fotografieren”, fährt er fort. “Ich kann unser grosses Studio gratis nutzen für eigene Projekte. Das bringt mich schon sehr weiter.Die wirkliche Herausforderung ist die Kinder in der Zeit zu einem natürlichen lächeln zu animieren. Ich glaube, wenn ich das bei tausend Kindern schaffe, dann kann ich jeden zum Lächeln bringen.” Bei den Worten fallen mir ein paar sehr schwere Fälle aus meinem Alltag ein. Und ich stimme ihm voll zu. Vieles ist anders, wenn man die ersten tausend Portraits gemacht hat. Die ersten tausend sind die Leichtesten, oder so.

Für mich ist es immer wieder faszinierend, zu sehen, wie vielfältig der “Beruf Fotograf” sein kann. Selbst wenn wir die gleiche Kamera mit den gleichen Einstellungen verwenden, kommen sehr unterschiedliche Fotos heraus. So wie heute: Functional Fitness Trainer am Morgen, Portrait im Studio am Mittag und Fackeln an der Aare am Abend.