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Grauverlaufsfilter sind was für alte Männer und Verkäufer

Es ist 5:20, als wir am Bergsee ankommen. Im Wasser sehe ich bereits zwei Stative stehen, Timelapse-Aufnahmen sind am Laufen. Als wir um die Ecke zum Wunsch-Spot kommen, sehe ich dort zwei junge Fotografen bei der Arbeit. Wirklich am Arbeiten. Mal bis zu den Knien im kalten Wasser, dann wieder am Ufer, mehrfach den Standort ändernd. Der eine montiert gerade einen Verlaufsfilter und flucht „Billiges Zeugs! Also sauteuer, aber billig gefertigt. Schon zerkratzt der F… Filter!“
Ich schaue mir den See in Ruhe an, halte einige Male die Kamera vors Auge und wähle dann meinen Spot und mache … erstmal gar nichts. Die Sonne ist noch nicht dort, wo ich sie haben möchte.

 

Grauverlaufsfilter an Sony

Grauverlaufsfilter an Sony

Click-Baiting nennt man das

Sorry wegen dem reisserischen Titel, aber er hat gewirkt, oder? 🙂

Jetzt zurück zum Sachverhalt.

 

Wer Verlaufsfilter empfiehlt, der…

Mit dem Testbericht zum Tamron 15-30 Objektiv kamen viele Fragen, welche Filter ich denn dafür verwende und Verwunderung, dass ich sagte: Keinen. Einen reinen Graufilter verwende ich ab und zu, habs mir aber abgewöhnt, die Dinger für jedes Objektiv zu kaufen. Fürs 12mm Samyang, mein Standard-Landschaftsobjektiv – habe ich einen und das muss reichen.

Ein Verlaufsfilter gehört laut vielen Landschaftsfotografen zur Standardausrüstung. Selbst habe ich keinen und plane auch nicht, mir einen zu kaufen. Aus meiner Sicht ist das ein Relikt aus der Zeit des Films und eh nur für Fotografie am Meer sinnvoll verwendbar. Warum empfehlen viele Fotografen die teuren Filter dennoch? Hier meine Theorien:
– Der Fotograf hat sein Handwerk noch analog gelernt und bleibt bei dem, was früher gut war. Das ist für ihn auch richtig, nur sollte er es dann Anfängern nicht mehr empfehlen.
– Der Fotograf ist gesponsort und/oder möchte etwas verkaufen.
– Der Fotograf hat keine Lust oder nicht das Wissen über digitale Nachbearbeitung. Spätestens mit Lightroom 6 sind Grauverlaufsfilter meiner Meinung nach Tot.
Um nicht falsch verstanden zu werden: Natürlich KANN man einen Filter verwenden und damit tolle Fotos machen. Ich bin einfach der Meinung, und Du kannst eine andere Meinung haben, dass man sie Einsteigern nicht empfehlen sollte und dass es keinen Grund (mehr) für sie gibt.


 

Das Problem: Heller Himmel und dunkle Erde

Bei Sonnenaufgang ist der Himmel bereits sehr hell, ein grosser Teil des Bodens aber noch im Schatten. Der Dynamikumfang ist dann früher für die meisten Kameras zu hoch gewesen. Wer eine neuere Nikon hat, kommt hier allerdings meistens schon mit einem RAW-Foto hin. Andernfalls hilft der Verlaufsfilter: Er dunkelt den Himmel ab und man kann somit „gleichmässiger“ belichten. Am Meer funktioniert das bestens.
Wer aber am besagten Bergsee steht oder eine sonstige Landschaft mit unregelmässigem Relief hat, der wird bereits Probleme bekommen. Denn jetzt wird ein Teil des dunklen Bodens vom Verlaufsfilter noch dunkler, was nicht wünschenswert ist.

Morgenstimmung am Königssee

Morgenstimmung am Königssee: Entweder über- oder unterbelichtet

 

Simulierter Graufilter

Simulierter Graufilter zeigt das Problem: Landschaft hat nur am Meer einen flachen Horizont und somit führt der Grauverlaufsfilter zu einem Streifen

 

 

Die Lösung: HDR – High Dynamic Range

Das Wort HDR weckt schnell negative Assoziationen. Wir kennen alle die Fotos von Fotografen, die HDR-Fotos in schreienden Farben erstellen. Dezent eingesetzt ersetzen sie aber den Verlaufsfilter. In Lightroom 6 ist die Funktion eingebaut, man braucht keine extra Software mehr. Selbst setze ich das regelmässig ein – wenn ich nicht mit der D750 fotografiere. Dort fotografiere ich zwar Belichtungsreihen, aber ein Foto reicht in den allermeisten Fällen aus. Wie das in Lightroom geht, zeige ich in diesem alten Video:

Das folgende Foto zeigt das bearbeitete und das out of camera Foto. Mit einem einzigen Klick wende ich ein Standard-Preset an, tune das optional noch ein wenig und schon habe ich die Morgenstimmung. Wichtig ist hier: So belichten, dass die hellen Stellen im Himmel nicht ausbrennen. Das ist kein wirkliches HDR, da ich nur ein Foto verwende und nur die Regler für Lichter und Tiefen bewege.

Ein Foto statt HDR

Ein Foto statt HDR

Das starke Aufhellen des Vordergrunds führt natürlich zu einem sehr leichten Anstieg des Bildrauschens. Wer das vermeiden möchte, der fertigt einfach eine Belichtungsreihe an. Selbst bin ich der Meinung, dass man das Rauschen bei niedrigen ISO-Werten nicht sieht. Und wie üblich ist meine Empfehlung: Probier es aus!
Wer bei diesem Beispiel findet, dass der Vordergrund noch zu dunkel ist, der kann die Regel weiter aufreissen. Oder er fertigt sich ein „echtes HDR“ an, reisst das hoch und freut sich über die Likes von Gleichgesinnten. Denn, ja, solche Fotos geben Likes. Allerdings nicht von mir.

HDR Nik Efex Pro 2

HDR Nik Efex Pro 2

 

Aber Fotograf B verwendet doch auch einen Grauverlaufsfilter!

Ohne meinen lieben Kollegen da etwas unterstellen zu wollen: Ich muss auf mein Geld achten und ich fotografiere meistens an Plätzen, wo man nicht mit dem Auto hinkommt. Und ich werde auch nicht dafür bezahlt, Produkte zu verkaufen. Die Verwendung vom Grauverlaufsfilter ist mühsam und fummelig. Man kann ihn beim Wandern nicht drauf lassen, schnell mal ein Foto machen geht damit nicht.

Der Sonnenaufgang von der Seceda aus, gestern in den Dolomiten aufgenommen: Die Geislergruppe ist extrem verzahnt. In Lightroom kann ich den Verlaufsfilter verwenden und mit einem Pinsel die Stellen wegradieren, die ich nicht haben möchte. Nachbearbeitung im Hotelbett auf dem Laptop: 5 Minuten. Hätte ich ein Lee-Filerset auf den 30km und 2100 Höhenmetern mitgeschleppt? Nein.

Sonnenaufgang Dolomiten

Sonnenaufgang Dolomiten

 

Das folgende Foto z.B. hat das gleiche Problem. Es ist mein pers. Lieblingsfoto von der Königssee-Umrundung letzte Woche. Wir stehen in einem Klettersteig. Ich kann dort kein Stativ und Filter montieren. Es gefällt offenbar vielen, hat es auf Instagram doch über 1000 Likes bekommen, was viel für meinen kleinen Account ist.

Sonnenaufgang am Königssee

Sonnenaufgang am Königssee

 

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Juli 30th, 2016|Kategorien: Fotografieren Lernen|Tags: , , |

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