Es ist Ostersonntag und ich bin verzweifelt. Zu Ostern 2013 habe ich aus einer persönlichen Krise heraus beschlossen, richtig fotografieren zu lernen. Dazu hat es auch gehört, dass ich Blitzen lernen wollte. Warum ich am Anschlag war, habe ich in dieser Notiz niedergeschrieben:

https://www.facebook.com/notes/stephan-wiesner-fotografie/mit-zittrigen-h%C3%A4nden-abends-daheim-sitzen/1183714694986798

Unter anderem habe ich mir daher zwei Yongnuo-Aufsteckblitze gekauft. Zwar besass ich schon seit Jahren einen Canon 580 Blitz, aber ich konnte ihn nicht bedienen. Alle paar Monate habe ich versucht, etwas damit zu machen – und bin kläglich gescheitert. Canon liefert kein sinnvolles Handbuch mit und in den Büchern in meinem Regal steht zwar wie ein Blitz funktioniert – aber nicht wirklich, wie man ihn verwendet.

Einzige Ausnahme: Joe McNallys Hot Shoe Diaries: Groß inszenieren mit kleinem Blitz (http://amzn.to/2do6xAz). Joe hat mir vor allem gezeigt, WAS man mit den Blitzen anstellen kann. Wenn man seine amerikanische Art und die Nikon Werbung ignorieren kann, dann ist das Buch sehr empfehlenswert! Gleiches gilt für Joe McNallys Sketching Light – mit Original-Lichtskizzen (http://amzn.to/2cZA5WI).

Aufsteckblitze: Produktfotografie in der Badewanne

Aufsteckblitze: Produktfotografie in der Badewanne (meine Anfänge in 2013)

Der Aufsteckblitz im Kinderzimmer

Ich sitze also bei meinen Eltern, in meinem alten Kinderzimmer und versuche einen Globus mit Blitzen zu beleuchten. Eine Hälfte soll beleuchtet sein, die andere im Dunkeln liegen. Ohne dass man meinen Kleiderschrank im Hintergrund sieht und ohne ausgebrannte Stellen. Ich spiele mit den Einstellungen an meiner Canon 6D, ich schiebe den Blitz hin und her und den Durchlichtschirm dichter oder weiter weg vom Globus. Dann versuche ich mit einer Styropor-Platte die dunkle Seite der Macht, äh, des Globus wieder aufzuhellen, oder einen Lichtkreis mit Schwerpunkt Mittel-Amerika zu erzeugen. Immer verändert sich irgendwas, aber wirklich gut wird es nie. Das sind die Momente, wo ich froh bin, mir nicht die Haare raufen zu können. Wie schwierig kann es bitte sein, einen sich nicht bewegenden Globus zu fotografieren?

Lange hat es gedauert, das einzustellen, aber dabei habe ich verstanden, wie es funktioniert. Der Trick ist: Die Kameraeinstellungen in Ruhe zu lassen und nur eine Sache zur Zeit zu verändern. Kamera aufs Stativ und wirklich nur eine Sache verändern und immer wieder ein Testfoto schiessen! Das ist das ganze Geheimnis. Ist das Bild zu dunkel, dann muss der Blitz heller gestellt werden. Ist der Schatten an der falschen Stelle, dann muss der Blitz verschoben werden, ist der Lichtkreis zu gross, dann brauche ich etwas zum Abschatten, etc.

Dieses einfache Prinzip unterrichte ich auch heute, drei Jahre später, in meinen Workshops und Videos und bekomme sehr viel Feedback im Sinne von „das hat mir die Augen geöffnet“.

Persönlich glaube ich, dass ich 2013/14 mit meinen Youtube Videos tausende Fotografen zum Blitzen gebracht und damit den Zubehör-Boom in Deutschland ausgelöst habe. Über die Jahre habe ich hunderte Mails und Messages bekommen, von Leuten, die sich bei mir bedanken, weil sie mit meinen Videos endlich gelernt haben, ihre Blitze zu bedienen.

Ich brauche Studioblitze!

Irgendwo ist mir ein Katalog von Profot aus Zürich in die Hände geraten und sie haben ein Studioset mit 2 Blitzen, Stativen, Softboxen im Angebot. Nach viel recherchieren komme ich zu dem Entschluss, dass 500 Watt Elinchrom Blitze genau das Richtige für mein Wohnzimmer sind! Kurzentschlossen fahre ich nach Zürich und schlage zu. Über 1000 EUR kostet mich der Spass. 2 Blitze, 2 Stative, zwei 60×60 Softboxen (die ich bis heute für Portraits verwende). Im Rückblick kann ich sagen: Totaler Fehlkauf! 500 Watt sind viel zu viel fürs Wohnzimmer und die 60er Softboxen waren ebenfalls die falsche Wahl. Besser wären z.B. eine 90er Octabox und ein mittelgrosses Striplight gewesen. Viel flexibler einsetzbar (bei Elinchrom aber auch sehr viel teurer).

Zu Hause packe ich alles aus, baue es auf und… weiss dann nicht, was ich damit machen soll. Die Bedienung ist einfach. Wie bei den Yongnuo Blitzen kann ich die Helligkeit einstellen, mehr brauche ich nicht. Heidi sieht mit den grossen Blitzen tatsächlich noch besser aus, als mit Aufsteckblitzen – aber trotz Kaufrausch muss ich zugeben, dass sie nicht 1000 EUR besser aussieht. Auch merke ich, dass ich nicht mehr offenblendig arbeiten kann – die Blitze lassen sich nicht weit genug herunter regeln. Lange wird es dauern, bis ich die Softboxen von Walimex und Jinbei entdecke und richtig mit dem Blitzen loslege. Eine Liste mit Ausrüstungs-Empfehlungen gibt es im Blog:

http://www.stephanwiesner.de/blog/das-fotostudio-im-wohnzimmer-blitze-stative-fernausloser/

Mangels anderer Ideen geht das Üben jetzt erst richtig los. Monatelang stehe ich jeden Abend bei mir im Wohnzimmer. Auf dem Laptop laufen Motivationsvideos auf Youtube. Das sind die Videos mit Zusammenschnitten aus Filmen, Zitaten und schwungvoller Musik:

„I’ve never viewed myself as particularly talented. I’ve viewed myself as…slightly above average in talent. Where I excel is with a ridiculous, sickening work ethic. While the other guy’s sleeping, I’m working. While the other guy’s eating, I’m working.“

So höre ich Will Smith jeden Abend sagen und genau das mache ich. Und langsam kommen erste Fortschritte. Bald kann ich gezielt Licht und Schatten dorthin setzen, wo ich sie haben möchte. Mit drei Blitzen und Reflektor oder nur mit einem einzelnen Licht. Und das alles als Selfie und durch Probieren, dadurch ist mein Fortschritt viel langsamer, als er sein sollte. Aber ich beisse mich durch. Diese Phase prägt mich. Wie 2005, als ich vom Gelegenheits-Jogger zum Marathonläufer wurde: Mit vielen kleinen Schritten und sehr viel Schweiss kann man jedes Ziel erreichen!

Stephan Wiesner 2013 - Behind the Scenes

Stephan Wiesner 2013 – Behind the Scenes

Fotograf Stephan Wiesner aus Bern 2013

Fotograf Stephan Wiesner aus Bern 2013

Ich bin im Ausrüstungs-Wahn

Manchen Abend verbringe ich auch damit, bei Amazon zu blättern, was ich noch an Ausrüstung brauche. Es ist die Zeit, wo ich denke, dass mehr Ausrüstung besser wäre. Farbfilter? Muss ich haben! 20cm Softbox? Nehme ich gleich 2! 20x60cm Striplights für Aufsteckblitze? Gleich vier kaufen, damit ich Ganzkörper-Fotos machen kann! Vielleicht habe ich diese Sturm und Drang Phase gebraucht. Für die Workshops hilft es mir bis heute. Denn ich habe damals gelernt, dass man mit fast jeder Ausrüstung fast jeden Look hinbekommen kann. Nicht mit dem gleichen Aufwand und mit feinen Unterschieden in den Details, aber fast identisch.

Ein paar Grundregeln der Blitzfotografie, die ich mir 2013 selbst erarbeitet habe – nur um dann später in einem Tutorial zu lesen oder zu hören, dass es … allgemein bekannt ist:

  • Entfernung ist alles! Je dichter man eine gegebene Lichtquelle an das Model bringt, desto weicher werden die Schatten. Von Joel Grimes habe ich viele Videos geschaut, er ist für mich mein Blitz-Vorbild. Man merkt ihm an, dass er über 20 Jahre Berufserfahrung hat!
  • Der Lichtformer bestimmt die Form des Catchlights (die Reflektion im Auge), haben aber (fast) keinen Einfluss auf die Weichheit des Lichts. Entscheidend ist (fast) ausschliesslich die Entfernung im Verhältnis zur Grösse. Sprich: Kleines Licht dicht dran kann weicher sein, als ein grosses, das weit weg ist.
  • Die Schatten bestimmen ein Porträt, nicht das Licht. Für Bewerbungsfotos versuche ich möglichst wenig Schatten zu haben, für Charakterportraits setze ich sie sehr gezielt.
  • Ein Porträt steht und fällt mit dem Gesichtsausdruck. Licht und Make-up können noch so toll sein, wenn das Model gelangweilt schaut, dann… schaut es gelangweilt.
  • Mehr Platz löst die meisten Probleme. Mit Grids vor den Blitzen kann man Licht recht gut kontrollieren. Als ich angefangen habe, waren Grids aber noch sündhaft teuer, also habe ich lange ohne gearbeitet. Ständig haben Decke, Wände oder meine Schränke Licht reflektiert. Hätte ich ein grosses Studio statt meinem Wohnzimmer, dann hätte ich es viel einfacher gehabt – aber viele Lektionen nicht gelernt.
  • Ja, es gibt einen Unterschied zwischen billigen Lichtformern und teuren. Wie so häufig gilt: You get what you pay for. Wer täglich mit seinem Werkzeug arbeitet, der wird Qualität zu schätzen wissen. Für andere wird sich der Marken-Aufpreis evtl. nicht lohnen.
  • Einfacher ist (häufig) besser. Ich nutze ETTL, HSS, Kontrolle in Gruppen, Fernbedienungen, etc. fast gar nicht. Je einfacher die Technik ist, desto weniger geht schief. Es ist dennoch wichtig, dass man diese Technologien kennt und bedienen kann. Es gibt Situationen, da fotografiere ich im Automatikmodus meiner Kamera und es gibt Situationen, das ist ETTL das richtige Werkzeug. Bei mir vielleicht vier, fünf mal pro Jahr. Normalerweise verwende ich meine Blitze im manuellen Modus und stelle sie einzeln und von Hand ein.

 

Aufsteckblitze: Produktfotografie in der Badewanne

Aufsteckblitze: Produktfotografie in der Badewanne (meine Anfänge in 2013)

Ich sehe besser aus, seit ich Fotograf bin

In der Fotografie geht es nicht nur um Technik, also Einstellungen an Blitz und Kamera, sondern auch um den künstlerischen Aspekt. Im Fall von Portraits darum: Was sieht (für mich) gut aus? Bzw. umgekehrt: Mit welchen Einstellungen sehe ICH gut aus? Hin und wieder bekomme ich (neidische) Kommentare und Mails mit der Botschaft „Du zeigst zu viel, das Du gut aussiehst!“. Nein, tue ich nicht. Gut aussehen, meine ich. Ich sehe bestenfalls normal aus. Aber ich bin Fotograf und weiss, wie ich mich optimal ins Licht rücken kann. Das habe ich 2013 gelernt und seit dem sehen die Fotos von mir viel besser aus. Nicht, weil ich attraktiver geworden wäre, sondern weil ich mehr über die Fotografie gelernt habe.

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Der „Durchbruch“ bei Portraits für mich kam, hüstel, hüstel, bei einem Date. Wer mein Landschaftsfotografie-Buch gelesen hat, wird hier ein Muster erkennen. Erstes Date bei mir im Studio. Sie brauchte eh neue Bewerbungsbilder, also haben wir das verbunden mit dem ersten Kennenlernen. Es war das erste Mal, dass ich Portraits von einer fremden Person gemacht habe und so richtig happy mit den Ergebnissen war. Aus dem Date ist nichts weiter geworden, aber das Foto hängt seit drei Jahren bei mir am Kühlschrank. Kleine Details mache ich heute anders, aber im Wesentlichen hatte ich es zu diesem Zeitpunkt verstanden. Wie ich heute Portraits fotografiere steht in meinem Buch:

http://www.stephanwiesner.de/blog/product/bewerbungsfotos-im-wohnzimmer-anleitung-fur-portraits-mit-blitz-im-heimstudio/

Rückblickend würde ich sagen: Ich hätte sehr viel Zeit sparen können, wenn ich mal ein Coaching bei einem erfahrenen Fotografen gebucht hätte. Das Fazit steht auf meinen T-Shirts: Nicht glauben, ausprobieren! Man kann die Blitzfotografie nicht allein aus einem Buch, Video oder Workshop lernen. Es ist eine Mischung aus Kunst und Handwerk und man muss es sehr viel Üben. Die Grundlagen jedoch sollte man sich heute nicht mehr durch Ausprobieren erarbeiten müssen. Es gibt inzwischen sehr viele, sehr gute Quellen, um das schnell zu erreichen. z.B. meine Videos 🙂

2013/14, das war die Zeit, wo Youtube auch bei Deutschen Fotografen wirklich angekommen ist. Calvin, Krolop, Paddy, Pavel, etc. Wo es heute sicher hundert Fotografen gibt, die sich auf Youtube versuchen, waren es damals nur eine Handvoll. In dieser Notiz beschreibe ich, von wem ich das Fotografieren gelernt habe:

https://www.facebook.com/notes/stephan-wiesner-fotografie/von-wem-habe-ich-eigentlich-fotografieren-gelernt/1222563851101882