Moderne Kamerasensoren haben so wenig Rauschen, dass man manchmal das Gefühl hat, man hätte ISO lose Sensoren. In diesem Beitrag liest Du, was es damit auf sich hat und wie Du das leicht für Dich selbst herausfinden kannst. Die wichtige Botschaft ist natürlich: Probier es selbst aus. Das ist schnell gemacht und Du verstehst dadurch besser, wie sich DEINE Ausrüstung verhält.

 

Was ist ISO Invarianz?

Die Idee ist verlockend: Mit einem ISO losen Sensor könnte man immer mit ISO 100 arbeiten und dann in der Nachbearbeitung die gewünschte Belichtung einstellen (geht natürlich nur bei RAW-Dateien). Dabei sollen die aufgehellten Bildteile nicht stark rauschen. Interessant ist das immer dann, wenn man sehr helle Elemente im Bild hat, die man retten möchte. Sonnenaufgänge, Fenster bei Innenaufnahmen, etc.

ISO loser Sensor bei Canon

ISO loser Sensor bei Canon

Das Foto von dem Eisblock in Island ist so ein Fall. Hier habe ich deutlich unterbelichtet, um möglichst viel vom Himmel auf das Foto zu bekommen. In der Nachbearbeitung habe ich dann die Schatten wieder aufgehellt.

Um das sehr deutlich zu sagen:

Man kann immer unterbelichten. Die Frage ist nur wie viel Rauschen ein Aufhellen der Schatten einführt.

 

Hat die Canon EOS R einen ISO losen Sensor?

Wenn der Sensor der EOS R ISO los ist, dann spielt es keine Rolle, ob man ein Foto mit ISO 6400 aufnimmt oder mit ISO 200 und das dann um fünf Blenden aufhellt. Beide Fotos müssten gleich stark rauschen. Das kann man leicht ausprobieren und in der Tat ist der Unterschied sichtbar, aber weniger stark, als man das vielleicht gedacht hätte. Ich wiederhole: Die Belichtung der Datei ist um FÜNF! Blenden hochgezogen.

ISO Invarianz an Canon EOS R

ISO Invarianz an Canon EOS R

Zum Vergleich hier noch mal die ISO 200 JPG-Datei. Man sieht deutlich, wie stark hier unterbelichtet worden ist.

 

ISO loser Sensor geht bis ISO 800

In der Praxis hat sich eingebürgert, von ISO Invarianz zu sprechen, wenn man bis ISO 800 geht. Und wirklich: Erst auf 100% Zoom sieht man einen Unterschied zwischen einer überbelichteten ISO 100, 200, 400 Datei und dem mit ISO 800 korrekt belichteten Foto.  Hier im Vergleicht die Canon EOS R und die Sony A7R III. Das Rauschen ist ähnlich, aber nicht identisch.

ISO Invarianz Canon EOS R

ISO Invarianz Canon EOS R

 

ISO Invarianz Sony A7R III

ISO Invarianz Sony A7R III

Fujifilm nutzt in seinen Kameras ISO 400 oder 800 um bereits in der Kamera Fotos mit mehr Dynamikumfang in eine JPG-Datei zu quetschen (DR Auto). Das gibt es auch bei Nikon, Canon und Sony mit unterschiedlichen Bezeichnungen (Stichwort dynamic range optimization). Das dabei entstehende Rauschen ist sehr gering und meist nicht sichtbar.

 

Soll man also immer unterbelichten?

Nein! Das hat mehrere Gründe. Zum einen sind stark unterbelichtete Fotos dunkel. Ein Bewerten in der Kamera wird dann nicht mehr möglich sein. Ausserdem führt das Aufhellen eben doch Rauschen ein. Selbst wenn kein Unterschied zwischen einem aufgehellten ISO 100 und einem ISO 800 Bild wäre, dann hätte man immer noch das 800er rauschen!

Noch wichtiger sind aber Probleme wie Banding und Farben. Bei meinen Testfotos habe ich einen manuellen Weissabgleich mit der Graukarte vorgenommen. In Wirklichkeit ändert sich der Weißabgleich aber mit der Belichtung.  Und schließlich: Ein korrekt belichtetes Foto wird mehr Informationen enthalten, als ein unterbelichtetes. Der Sensor konnte mehr Photonen einsammeln und in der Nachbearbeitung hat man mehr Spiel.

Man erhält maximale Bildinformationen, wenn man so hell wie möglich fotografiert.

ISO gibt es in digitalen Kameras nicht in der Art, wie es bei analogen Kameras der Fall war. Statt dessen wird eine Verstärkung des Signals vorgenommen, dass durch die Aufnahme entsteht. Dabei hat der Zeitpunkt in der Verarbeitungskette einen Einfluß auf das Rauschen. Es ist aber immer eine Verstärkung. Offensichtlich hat man ein besseres Ausgangsmaterial, wenn man gleich “möglichst viel Photonen einfängt”. In der Kamera steht wahrscheinlich mehr Information zur Verfügung, als man später in Lightroom zur Verfügung hat. Ausserdem sollte die Kamerainterne Software für diesen Sensor optimiert sein, Lightroom nicht.

Das folgende Foto zeigt noch mal deutlich: Schatten sind nicht schlimm. Die Felssäulen im Wasser dürfen hier gerne dunkel sein. Das Foto erhält seine Stimmung eben dadurch, dass es auch dunkle Elemente gibt. Es mag technisch nett sein, dass man Bildbereiche aufhellen kann, aber das heisst nicht, dass man das auch muss.

 

Fazit

Die Diskussion um ISO hat Tony North Northrup in einem provokativen und inhaltlich falschen Video aufgeworfen. Was ein geschickter Marketingerfolg für ihn war, sorgt bei vielen für Verunsicherung. Seine Aussage “ISO is fake” und man könne jedes Foto mit ISO 100 aufnehmen und dann beliebig aufhellen ist leicht beweisbar falsch. Die einfache und immer richtige Botschaft ist: Probier es selbst aus. Du wirst merken, dass korrekt belichtete Fotos weniger rauschen, als solche die man künstlich aufhellt.

Ein mit ISO 1600 aufgenommenes Foto rauscht weniger, als eins das mit ISO 100 aufgenommen und dann entsprechend aufgehellt wurde.

In der Praxis gibt es aber häufig Situationen, in denen man sich entscheiden muss. Das Sonnenaufgangsbild oben ist so ein Beispiel. Hier habe ich bewusst unterbelichtet, weil ich wusste, dass ich das wieder aufhellen kann. Das wusste ich, weil … ich es vorher ausprobiert habe.

Fakt ist: Wenn ich das nächste Mal die Milchstraße fotografiere, dann werde ich nicht auf ISO 100 arbeiten. Es wird ISO 6400 sein und ich werde rauschen sehen. Egal ob es eine Canon, Nikon oder Sony Kamera ist.

Fakt ist auch: Wenn ich ein Foto mit zwei verschiedenen Kameras mit identischen Einstellungen erstelle, dann werde ich wahrscheinlich leichte Helligkeitsunterschiede feststellen. Insbesondere Fuji interpretiert ISO leicht anders als die anderen Marken. Das ist nicht gut oder schlecht, man muss es nur wissen und dann damit arbeiten. Das folgende Bild zeigt den Unterschied Canon vs. Sony (beides JPG out of camera). Es zeigt ein Test-Problem. Es sind unterschiedliche Objektive im Einsatz, daher auch leicht unterschiedliche Bildausschnitte und der Weissabgleich ist leicht anders. Details die wichtiger sind, als die Frage nach ISO 100 oder 200.

ISO Canon vs. Sony

ISO Canon vs. Sony