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Kamerabedienung – Das Histogramm verstehen

Das Histogramm einer Kamera ist das einzige zuverlässige Werkzeug, um eine Belichtung bereits in der Kamera bewerten zu können. Zunächst ein einfacher Test, der Dich von der Notwendigkeit überzeugen wird: Nimm Dir Dein Handy und ein beliebiges Foto, von dem Du der Meinung bist, dass es korrekt belichtet ist. Schau es Dir kurz an und dann dreh die Helligkeit an Deinem Handydisplay hoch/runter. Alternativ: Schau Dir das Foto bei fixer Bildschirmhelligkeit einmal drinnen und dann draussen in der Sonne an. Die Belichtung wird Dir komplett anders vorkommen. Und wenn das noch nicht reicht: Schau es Dir mal im Dunkeln an, nachdem Deine Augen sich ein paar Minuten an die Dunkelheit gewöhnt haben.

Der Artikel ist Teil meines Fotokurses und dem Kapitel Kamerabedienung. Das Thema behandle ich auch ausführlich in meinem Landschaftsfotografie Tutorial (Affiliate Link).

 

Das Histogramm zeigt die Helligkeitsverteilung in einem Foto

„Und? Kommts gut?“ frage ich Anja mit klappernden Zähnen. Wir stehen im Wind auf einer Aussichtsplattform in Graubünden, Schweiz. Es ist stockfinster und mal wieder zu kalt für mich. „Ich glaube schon“ kommt es selbstbewusst zurück und sie zeigt mir ein Foto der Milchstrasse. „Mhm, ich kenne Dein Display nicht, zeig mal das Histogramm.“

Gerade in der Nacht kann man sich nicht auf das Display der Kamera verlassen. Meist wird einem das Bild viel zu hell vorkommen – oder korrekt vorkommen, wenn es eigentlich unterbelichtet ist. Ein Blick auf das die Helligkeitsverteilung zeigt dann ein neutrales Ergebnis. Dabei sollte ein Histogramm immer möglichst breit sein und bis an den rechten Rand gehen. Anhand von ein paar Beispielen verdeutliche ich das.

Rheinschlucht Schweiz fotografieren mit Milchstrasse

Rheinschlucht Schweiz fotografieren mit Milchstrasse

Das Histogramm ist komplett ausgefüllt. Richtig oder falsch? Das entscheidet der Fotograf! Die Anzeige warnt in diesem Fall davor, dass sehr grosse Bereiche des Fotos (zu) dunkel sind. Bei einer Nachtaufnahme gehört das dazu. Es braucht Erfahrung und ist eine Frage des persönlichen Geschmacks, „wie dunkel ein Nachtfoto“ sein soll. Dieses Foto ist aus zwei Fotos zusammengesetzt. Hier habe ich den Vordergrund mit ISO 400 belichtet und hätte ihn entsprechend viel heller machen können – aber für mich gehört die Nachtaufnahme so dunkel. Wie man solche Fotos der Milchstrasse erstellt zeige ich in diesem Tutorial.

 

 

So funktioniert das Histogramm in einer Kamera

Schauen wir uns zunächst ein einfaches Foto an. Das Gasthaus in der Felswand am Morgen. Wir haben weissen Schnee, der in der Sonne liegt, helle Wolken, aber auch Felsen und Bäume im Schatten. Also einen sehr hohen Dynamikumfang. Es ist schwer nur mit dem Kameradisplay zu entscheiden, ob die Wolken noch Struktur enthalten und nicht ausgebrannt sind, bzw. umgekehrt, ob der Wald im Schatten noch nicht ganz schwarz ist.

Gasthaus Aescher Wildkirchli

Gasthaus Aescher Wildkirchli

Das Histogramm zeigt einem eben dies. Auf der linken Seite sind die dunklen Elemente im Bild und auf der Rechten die hellen Elemente. Hier schön zu sehen an dem hellen Himmel, der als blauer Peak im Histogramm angezeigt wird. Das Histogramm berührt den rechten Rand, irgendetwas ist also überbelichtet, aber nur eine kleine Fläche. Am Histogramm kann ich jedoch nicht erkenne, wo im Bild diese Überbelichtung ist.

Betrache ich das Foto kritisch, dann komme ich schnell darauf, dass es der Schnee in der Sonne sein wird. Das muss nicht schlimm sein, denn auch live sehe ich den als komplett weiss. Aber mit dem Histogramm kann ich eine bewusste Entscheidung fällen.

 

Histogramm und Überbelichtungswarnung – Man braucht beides!

Die meisten Kameras erlauben es eine Überbelichtungswarnung zu aktivieren.  Je nach Kamera kann man sich diese für die hellen und dunklen Bereiche anzeigen lassen. Auch in Lightroom kann man diese aktivieren, in dem man auf die kleinen Dreiecke neben dem Histogramm klickt (Entwicklungsmodul). Damit ist es einfach möglich, mit einem Blick zu erkennen, welche Bereiche im Foto über-/unterbelichtet sind. Kleine Bereiche in den Wolken, die Sonne oder Reflexionen der Sonne sind dabei meist akzeptabel.

Das Histogramm in der Kamera wird aus einem JPG ermittelt.

Wichtig ist auch zu wissen, dass nur das Histogramm des JPGs angezeigt wird, auch wenn man mit RAW arbeitet (die RAW-Datei enthält ein JPG für die Anzeige auf dem Display). In Wirklichkeit hat man also, je nach Kamera, ein wenig Puffer.

Das Histogramm verstehen

Das Histogramm verstehen

Der Screenshot zeigt die Anzeige der zu dunklen Bereiche in Lightroom. Hier habe ich bewusst akzeptiert, dass der Vordergrund zur Silhouette wird – quasi zum Scherenschnitt. Nur so ist es möglich gewesen, die krassen  Farben des Himmels einzufangen ohne ein HDR zu machen. Das Beispiel zeigt auch, dass der Himmel eben nicht überbelichtet ist (sonst wären die entsprechenden Stellen rot markiert).

 

Das Histogramm bei Nebel

Je breiter das Histogramm ist, desto besser – diese Faustformel gilt nur bei normalem Tageslicht. Eine Nebel-Situation ist dadurch geprägt, dass man wenig Kontrast hat. Das sieht man auch am Histogramm. Dabei hast Du als Fotograf die Wahl, das Histogramm nach rechts oder links zu verschieben und das Foto damit heller/dunkler zu machen.

 

MTB Fahrer im Nebel

MTB Fahrer im Nebel

In der Nachbearbeitung ist es möglich, dieses Histogramm „in die Breite zu ziehen“. In dem Du an den Lichter- und Tiefen-Reglern ziehst wird der Kontrast erhöht – aber es geht auch ein wenig die Nebel-Stimmung verloren.

 

 

Das halbe Histogramm gibt mehr Stimmung

Wenn die Sonne noch nicht oder nicht mehr da ist, dann ist meist ein Histogramm gefragt, dass nur bis maximal 3/4 nach rechts geht. Andernfalls geht die Stimmung häufig verloren. Dieses Foto aus der Lüneburger Heide im Morgengrauen ist vor Sonnenaufgang aufgenommen. Wenn ich hier die Belichtung hochziehen würde, dann hätte ich zwar ein ausgefülltes Histogramm – aber eben keine Morgengrauen-Stimmung mehr. Die Anzeige zeigt auch deutlich, dass nur die blauen Anteile vom Himmel hell sind. Der Rest ist dunkel.

Nebel über der Lüneburger Heide

Nebel über der Lüneburger Heide

 

Licht und Schatten in der Wüste

Ein interessantes Histogramm, das in dieser Form noch sehr häufig vorkommt, ist eine Doppel-Spitze.

Das Foto wird dominiert vom hellen Himmel und dem noch im Schatten liegenden Sand der Düne im Death Valley. Hier ist noch Struktur im Sand und der Himmel ist nicht ausgebrannt. Das Histogramm geht über die gesamte Breite, aber nicht überall sind Informationen.

Sonnenaufgang im Death Valley

Sonnenaufgang im Death Valley

 

 

Das Histogramm im Fotostudio

Im Fotostudio ersetzt das Histogramm den Belichtungsmesser. Der einfache Trick ist: Eine Testaufnahme von Haut zu machen, z.B. einer Hand: Dabei die Hand formatfüllend fotografieren, so dass sie das Bild komplett! ausfüllt. Das Foto muss dabei nicht fokussiert sein, es geht nur um die Helligkeit. Dann kann anhand der Anzeige festgestellt werden, ob die Haut korrekt belichtet ist.

Auch während der Session ist dies wichtig, insbesondere bei Ganzkörper-Fotos. Die Person vor der Kamera bewegt sich und schnell kommt sie mal zu dicht an einen Blitz und hat ausgebrannte Stellen an der Haut. Das Histogramm, bzw. die Überbelichtungswarnung, zeigt einem dies auch „im Eifer des Gefechts“. Das folgende Beispiel verdeutlicht das: Bertrand vor einem weissen Hintergrund. Das Histogramm zeigt einen grossen ausgebrannten Bereich (den Hintergrund). Es ist somit nicht möglich, zu erkennen, ob auch Reflexionen auf seiner Haut ausgebrannt sind. Ich muss daher die Überbelichtungswarnung verwenden – oder ganz nah rangehen, so dass ich nur noch Haut in einem Test-Foto habe.

 

Bodybuilder beim Fotograf aus Bern

Bodybuilder beim Fotograf aus Bern – Ist die Haut ausgebrannt?

 

 

Fazit

Das Histogramm zeigt nur die Helligkeitsverteilung und warnt davor, dass „irgendwo im Foto“ Stellen komplett schwarz oder weiss sind. Der Fotograf kann dann selbst entscheiden, ob das gewünscht ist oder nicht. Wichtige Ergänzung hierbei: Weisse Stellen kann man nicht mehr retten. Dunkle Stellen hingegen kann man aufhellen (was aber zu Rauschen führt).

Mit ein wenig Übung wirst Du schnell routiniert und mit einem Blick auf das Display feststellen können, ob ein Foto „richtig“ belichtet ist. Eine einfache Möglichkeit das zu lernen ist: In Lightroom auf das Histogramm zu achten. Schau Dir doch mal ein paar hundert Deiner Fotos bewusst an und bewerte die Belichtung anhand des Histogramms. Schnell wirst Du ein Bauchgefühl dafür entwickeln!

 

Juli 14th, 2017|Categories: Fotografieren Lernen|Tags: |

5 Comments

  1. Tom Meurer 14. Juli 2017 at 11:49 - Reply

    Hallo Stephan!
    Wie immer top erklärt und wieder was gelernt. Hier: Hauttöne im Studio. danke für den „Hand-Trick“.

    • Stephan Wiesner 14. Juli 2017 at 11:51 - Reply

      Bitte Tom 🙂 Und nicht vergessen: verschiedene Haut-Töne haben eine leichte Verschiebung im Histogramm zur Folge.

  2. Stephan 14. Juli 2017 at 10:10 - Reply

    Hi Stephan, wie immer toll erklärt, trotzdem noch ein paar Fragen: Hast Du einen Tipp wieviel Reserve die Canons von Blinkies bis ausgefressen haben? (also wenn ich die Belichtung so korrigiere, dass keine Blinkies mehr da sind, wie viel Blendenstufen kann man dann wieder erhöhen?)
    Nutzt Du auf der Kamera das gemeinsame Hell/Dunkel Histogramm, oder das RGB-Histogramm – im Artikel zeigst Du beide Varianten.
    Im Artikel zeigst Du ausschließlich fertige Fotos + Lightroom Histogramme.
    Wie würde das in der Kamera bei den zwei Bäumen vor Sonnenaufgaben aussehen, nutzt Du noch „Expose to the right“ und gehst dann in Lightroom wieder runter, oder ist das Bild tatsächlich mit diesem Historgramm fotografiert…
    Viele Fragen, aber ich kämpft aktuell gerade mit dem Thema Histogramm in der Kamera verstehen lernen und keine ausgefressen Himmel produzieren 😉

    • Stephan Wiesner 14. Juli 2017 at 10:19 - Reply

      Wieviel Reserve man hat hängt vom Chip ab, das lässt sich einfach ausprobieren (Hausaufgabe!).
      Ja, ich expose to the right bei Canon Kameras.

      • Stephan 14. Juli 2017 at 10:51 - Reply

        Danke – und in der Kamera RGB-histogramm oder Hell-/Dunkel 😉

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