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Kamerakauf: In 5 Schritten zur richtigen Kamera

„Ich will eine eigene Kamera!“ Kristina sitzt mir am Küchentisch gegenüber und sagt das in diesem Tonfall, den sie manchmal hat. Ich blinzle nur. „Du drückst mir jedes mal eine andere in die Hand. Ich will eine Kamera richtig bedienen können. Und Du legst die dann nicht in den Dreck!“ Ich blinzle und setze an etwas zu sagen, komme aber nicht zu Wort. „Und Sprünge im Display will ich auch nicht haben!“ „Aber, die 6D funktioniert doch noch“ Murmel ich leise.

Kamerakauf: In 5 Schritten zur richtigen Kamera

Meine Freundin möchte richtig fotografieren lernen und das fängt mit der Kamera an. An ihrem Beispiel zeige ich Dir, wie ich eine Kamera auswähle, bzw. wie ich sie Freunden empfehle. Unter ganz normalen Alltagsbedingungen mit beschränktem Budget, persönlichen Vorlieben und vorhandener Ausrüstung. Nicht die ideale Traumkamera, sondern eine mit der man Freude am Fotografieren hat und das fotografieren kann, was man möchte.

Schritt 1: Was möchtest Du mit der Kamera machen?

Kristina hat geringe Anforderungen. Sie will ihre Katze daheim fotografieren, Landschaftsfotografie, auch mal ein Portrait. Ganz normale Anforderungen also. Der wichtige Punkt hier ist: Sie möchte keine Sportfotografie machen, keine Astrofotografie und vor allem: Sie hat die neusten Prospekte der Hersteller nicht gelesen und ist davon nicht beeinflusst.

Damit fallen Kameras wie die Nikon D7200, Canon 7D oder gar die Profi-Schiene raus. Die Fotos, die wir zusammen machen, wie z.B. das Cover von meinem Landschaftsfotografie Tutorial Buch, kann man mit fast jeder Kamera machen.

Landschaftsfotografie Tutorial Buch

Cover Foto bei Kristina: Landschaftsfotografie Tutorial Buch

Schritt 2: Systemkamera oder DSLR?

„Der wesentliche Punkt ist der Sucher: Bei der Systemkamera siehst Du das fertige Bild im Sucher, bei einer DSLR siehst Du durch Glas und musst Dir das fertige Foto danach anschauen. Die Systemkamera ist also einfacher, das Fotografieren entspannter. Die DSLR macht mir aber mehr Spass, das fühlt sich… professioneller an. Du siehst ja, dass ich meistens mit der Canon arbeite“.

Hmh, schwer zu entscheiden. Den Punkt lassen wir zunächst mal noch offen.

Das ist typisch. Wenn ich sage „einfacher zu bedienen“ sind die meisten froh und ziehen die Systemkamera vor, weil sie Angst vor Technik haben. Gebe ich ihnen aber beides in die Hand, stimmen sie mir meist zu, dass die DSLR cooler ist (vor allem Männer). Von der Technik her und vom Preis spielt es keine wesentliche Rolle mehr. in der Mittelklasse sind die Kameras mehr oder minder gleichwertig.  Wir vertagen das Thema also und reden erstmal über die wichtigen Dinge.

Lüneburger Hafen am Abend

Lüneburger Hafen am Abend – Sony A7II mit Canon 17-40 Objektiv

Schritt 3: Objektive – Was möchtest Du die nächsten zwei Jahre fotografieren?

Glas ist wichtiger als die Kamera. Kristina weiss, dass das kein leere Spruch ist. Sie hat mich oft fluchen gehört, wenn ich den schweren Rucksack aufgesetzt habe – und oft gesehen, wie ich ihr stolz das MacBook entgegenhalte mit meinem Foto des Tages. Etliche Monologe habe ich ihr gehalten und vorgeschwärmt, wie toll das Tamron 15-30 ist, welch scharfe Ecken es hat. Ich rechne es ihr hoch an, dass sie das so geduldig mit macht!

„Vergiss das Kit-Objektiv“

„Was ist ein Kit-Objektiv?“

„Das ist das Objektiv, das beim Kamerakauf dabei ist. Kostet meist so rund 40 EUR mehr und ist entsprechend in der Leistung.“

„Aha“

„Also, vergiss das Kit-Objektiv. Für Landschaft möchtest Du ein Weitwinkelobjektiv haben. Das Kit kann meist nur bis ca. 28mm, aber Du hast gehört, wie ich gestern in Frankreich den ganzen Tag gejammert habe, dass ich nur 24mm dabei hatte.“ Sie nickt. „24 ist OK, 28 ist zu wenig. Vergiss das Kit-Objektiv. Und dann noch ein lichtstarkes Objektiv für die Katze. 50mm z.B., damit kannst Du auch Portraits machen. Später vielleicht mal ein 100mmMakro-Objektiv, damit kannst Du dann richtig schöne Portraits machen und auch mal Details von Blumen und so. Das würd Dir glaube ich noch Spass machen“.

Wir einigen uns also auf einen Mittelfristigen Bestand von Kamera, Weitwinkel und 50mm Objektiv mit der Makro-Option im nächsten Jahr.

Landschaftsfotografie mit Person - Foto by Kristina. Canon 6D, 24-105L

Landschaftsfotografie mit Person – Foto by Kristina. Canon 6D, 24-105L

Schritt 4: Die Kamera Marke

„Für mich wäre es am besten, wenn Du Sony nimmst. Die sind am beliebtesten und dann können mehr Leute mit Dir lernen.“ Sie schaut ein wenig skeptisch, also werfe ich schnell ein „aber natürlich musst Du Freude an der Kamera haben!“ Ich strahle sie blinzelnd an.

„Die Kamera gestern war die Canon?“

„Ja, genau. Die 6D, mein Arbeitstier.“

„Die lag richtig gut in der Hand“

„Ja“, sage ich, „aber Du musst sie auch schleppen.“ ich gebe sie ihr mit dem 24-105L. Rund 1.5 kg. Ihre Hände passen genau in den Griff. Ich sehe, dass sie Freude an der Haptik hat. Schnell werfe ich ein „Die Nikon D750 passt genauso. Für Landschaft ist die Nikon besser geeignet, für Portraits die Canon. Sony ist so dazwischen“. Jetzt ist sie unsicher und schaut mich an „Was empfiehlst Du mir?“

Ich überlege kurz. „Das wirklich teure wird das Glas. Ich habe viele sehr gute Canon Objektive, die Du Dir mal ausleihen kannst. Aber kein Weitwinkel, weil ich das für die Nikon gekauft habe. Ich schlage aber dennoch Canon vor und Du kannst dann mal mit meinen Objektiven arbeiten.“

Mein Vorschlag ist dann die Canon 80D. Zwar ist die recht teuer, aber sie bietet gegenüber der 760D deutlich mehr Funktionalität. Besserer Autofokus, bessere Bedienung, besserer Live-View und grösserer Griff. Sie möchte eine grosse Kamera, eine die sich auch ernsthaft anfühlt. Warum nicht die 6D? Weil sie noch mal fast 40% mehr kostet und für sie keinen wirklichen Mehrwert bietet.

Andere Marken, wie z.B. Fuji, machen für uns keinen Sinn. Sie müsste alles neu kaufen und damit ist das finanziell nicht tragbar. Das soll aber an dieser Stelle keine Wertung sein. Hätte ich hier ein paar Fuji Objektive rumliegen, dann würde ich das in Erwägung ziehen.

Das Fazit ist: Ich leihe ihr mal meine Canon 6D mit dem 24-105L Objektiv. Damit kann sie alles machen, was sie möchte und bekommt ein Gefühlt, wie es ist damit im Rucksack rumzulaufen. Dann verhandeln wir neu über das konkrete Modell – und vielleicht auch noch mal über die Marke.

 

Schritt 5: Die Entscheidung

Bevor Du dich endgültig für eine konkrete Kamera entscheidest empfehle ich Dir genauso vorzugehen. Erst überlegen, was Du machen möchtest, dann welche Objektive Du mittelfristig dafür brauchst. Dann kauf den teuersten Body, den Du Dir leisten kannst. Eher das Vorjahresmodell als das aktuelle. Ausnahme die Canon 70D mit ihrem Fokusfehler. Hast Du Glück und erwischt eine gute, dann nimm sie, aber empfehlen kann ich die nicht. Schon deswegen nicht, weil Canon mit dem Problem so unprofessionell umgegangen ist.

Wenn es irgendwie geht, leih Dir eine Kamera von einem Freund aus. Du wirst schnell merken, ob Dir das Canon Menü oder das Nikon Menü mehr liegt oder ob Dir eine Systemkamera oder eine DSLR mehr Spass machen. Und Du wirst merken, ob Du eine grosse Kamera zwar cool findest – dann aber nie mitnimmst. Häufig ist eine kleine Kamera zwar weniger Fun – aber dafür immer dabei. Es hat einen Grund, warum Profis meist mehrere Kameras haben, inkl. einer kleinen Immerdabei-Kamera.

Idee bei Kristina. Sony RX100M3. Für die meisten Fotos ausreichend.

Idee bei Kristina. Sony RX100M3. Für die meisten Fotos ausreichend.

Und die Sony RX100M3?

Die Sony ist meine Standard-Empfehlung. Für viele Fälle wäre sie ausreichend oder sogar besser als eine “grosse” und Kristina hat damit schon schöne Fotos gemacht.  In unserem Fall fällt die Sony durch, weil sie zu klein ist. „Dann kann ich auch bei meiner alten bleiben“ ist ihre Meinung und ich schaffe es, mir ein Schmunzeln zu verkneifen und nicht über Pixel und Dynamikumfang zu diskutieren. Wenn die Sony nicht ernsthaft genug ist, dann verstehe ich das. Ich nutze sie, weil sie praktisch und gut ist, nicht weil es Spass macht mit ihr zu arbeiten.

Wie lange hält so eine Kamera?

Nachdem ich ein paar Preise genannt habe, ist die Euphorie etwas gesunken. 1000 EUR oder mehr wollten wir eigentlich nicht ausgeben. Immerhin kann ich beruhigen: Die modernen Kameras sind für 100.000 teilweise bis zu 250.000 Auslösungen ausgelegt. Das kriegt ein Privatmensch in 10 Jahren nicht voll. Ich habe mehrere Freunde, die eine uralte Nikon D90 haben. Unkaputtbar.

Und technisch geht kaum noch etwas. Detailverbesserungen, die kaum auffallen. Die Bildqualität aktueller Mittelklasse-Kameras ist auf einem Niveau, das es schwer fällt, daran Kritik zu finden. Häufig sind da Chips drin, die vor 5 Jahren von Profis eingesetzt wurden und als die besten der Welt in ihrer Klasse galten.

Fazit

Es gibt nicht die eine ideale Kamera. Für den Alltag und die meisten Fälle ist es nicht nötig, auf die Profiklasse zu setzen. Eine APS-C Kamera der Mittelklasse bietet deutlich sichtbaren Mehrwert in den Fotos gegenüber einer Kompaktkamera und ist halbwegs bezahlbar. Welche Marke man wählt ist im Wesentlichen eine Frage des Bauchgefühls. Manche wollen kleine Kameras, andere grosse. Manche wollen einen Glassucher, andere ein Display. Finanziell muss man immer das Gesamtsystem mit Glas begutachten. Da wird eine vermeintlich billige Kamera plötzlich evtl. sehr teuer. Weitere Informationen zum Thema Kamerakauf bietet meine Rubrik hier im Blog.

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Sony A6000 ISO Rauschen Zelt Sternenhimmel

Teamwork: Kristina schreibt, Stephan fotografiert

 

Oktober 19th, 2016|Kategorien: Fotoausrüstung, Fotografieren Lernen|Tags: , , |

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