Ist die Kamera für Landschaftsfotografie egal? Testbericht Nikon D3300

„Für die Landschaftsfotografie ist die Kamera fast egal“ und „Nikon hat auch in der Einsteigerklasse so gute Chips drin, die Bildqualität ist sehr gut!“ Solche Sprüche liest man sehr viel und als Online-Fotograf rutsche ich auch schon mal in diese Schiene und versuche das dann mit einem „jede halbwegs ordentliche Kamera“ so zu verallgemeinern, dass ich mich rausreden kann. Jetzt mache ich den Test: Nikon D750 vs. D3300 (Affiliate Link) als Landschaftskamera. Sieht man den Fotos in der Praxis einen Unterschied an? 

Das erste Problem: Das Kit-Objektiv

Das Kit-Objektiv an der Nikon hat mich 40 EUR gekostet. Mehr bekommt man auch nicht. Der Zoom-Bereich nützt in der Landschaftsfotografie wenig, es ist nicht lichtstark und scharf auch nicht. Immerhin ist es klein und leicht. Natürlich hat es ein viel besseres Preis-Leistungsverhältnis als z.B. das Tamron 1530 Objektiv. Wenn es Dir also reicht, dann ist das auch gut. Zumindest bekommst Du hier eine Idee, was der Unterschied ist. Hier das Ausgangsfoto mit dem Tamron auf F8, ISO 100 und Stativ.

_dsc0012Hier ein direkter Vergleich Kit-Objektiv zum 1000 EUR Tamron 15-30. Die Fotos sind nicht nachbearbeitet, nur mein Standard-Importfilter in Lightroom angewandt. Die Aufnahme ist bewusst nicht offenblendig gemacht, da ist der Unterschied noch stärker zu sehen (nicht, dass man bei dem Kit-Objektiv von offenblendig sprechen kann).

kit-tamron

Nicht jede Schwäche der Ausrüstung ist auch relevant für die Praxis, aber hier ist es sehr auffällig. Natürlich kann man da in der Nachbearbeitung noch viel Klarheit, Schärfe und Kontrast raufhauen, die Ecken wegschneiden und es weitgehend kaschieren – wenn man nur fürs Web publiziert. Meine sehr starke Empfehlung ist aber: Das Objektiv sollte man ersetzen.

Schlusswort zum Tamron an der D3300: Man hat einen durchaus praktikablen Zoom-Bereich von rund 24-45mm. Das ist für viele Landschaftsfoto-Situationen OKisch. Ein für den APS-C Sensor gebautes Objektiv wäre hier wahrscheinlich eher angebracht, nicht nur wegen dem Preis. Aufgrund der Grösse des Tamrons kann hier nicht mehr von guter Bedienung geredet werden. Die D3300 ist einfach zu klein, um eine balancierte Handhabung zu ermöglichen. Insbesondere auch auf dem Stativ ist mir unwohl, da das Tamron keine eigene Stativschnalle hat.

Bildqualität des Sensors

Schliesst man an die D3300 ein gutes Objektiv an, dann kann der Sensor zeigen, was er kann. Und er kann. Mit dem Tamron 1530 an der D750 vs. D3300 ist es unter Praxisbedingungen nicht mehr möglich, einen Unterschied zu sehen – solange man auf ISO100 bleibt und den Bildausschnitt gleich wählt. Je höher man mit dem ISO-Wert geht, desto mehr  Unterschiede sieht man (natürlich). Im Lightroom, auf 100% Zoom sehe ich schon noch Unterschiede und auch wenn ich starke Bearbeitungen durchführe. Aber ich betone das noch mal: Für den Praxiseinsatz in der Landschaftsfotografie ist die Qualität vollkommen ausreichend. Einige meiner besten Landschaftsfotos habe ich mit der Sony A6000 aufgenommen, ebenfalls einer Kamera mit APS-C Sensor.

Die Farben stimmen, Schärfe, Kontrast, Belichtung und Weissabgleich sind gut.

Dresden bei Nacht

Dresden bei Nacht

ISO-Rauschen

Das folgende Foto ist ein out of camera JPG bei ISO3200. Der Ausschnitt darunter zeigt, wieviel Struktur noch vorhanden ist. Auch die Farben stimmen.

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Dynamikumfang

Als Landschaftsfotograf habe ich häufig Situationen mit hohem Dynamikumfang. Sonnenuntergänge, Gegenlichtsituationen, etc. Wenn man nicht ständig HDR Aufnahmen machen möchte, dann weiss man es zu schätzen, wenn die Kamera hier in der RAW-Datei genügend Reserve hat. Nikon ist bekannt dafür, dass die eingesetzten Sensoren sehr gut ausgereizt werden und mir eben diesen Umfang bieten. So auch bei der D3300. Für die RAW-Dateien gilt: Ich kann Schatten aufhellen und Lichter reduzieren und habe viel Reserve. Das sollte keine ordentliche Belichtung ersetzen aber es erspart einem manches HDR.

Im folgenden Foto sieh man: Die RAW-Datei gibt mir viel Spiel für die Nachbearbeitung.

Elbsandstein Sonnenuntergang

Elbsandstein Sonnenuntergang – Nikon D3300 mit Tamron 1530 auf F7.1

Hier sind die dunklen Felsen in der Bildmitte um 2 Blenden aufgehellt.

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Portraits im Studio

Eigentlich ging es zwar um Landschaftsfotografie, aber da ich mein Geld nunmal als Fotograf in Bern mit Portraits und Bewerbungsfotos verdiene hier auch noch kurz ein Blitz-Foto. Nikon D3300 mit 85mm auf F7.1. Da die Nikon D3300 einen Glassucher hat, kann man damit ganz normal im Studio arbeiten. Auch hier wären ein, zwei Fokuspunkte mehr angenehm, aber die vorhandenen reichen aus.

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Portrait Fotograf aus Bern Stephan Wiesner – Foto by Kristina

 

Bedienung und Haptik

Die Kamera ist klein, liegt aber dennoch gut in der Hand. Sie hat nur wenige Knöpfe und ist offensichtlich für Einsteiger entwickelt mit der Annahme, dass Anfänger wenig komplizierte Funktionen haben möchten. Leider macht das dem Profi die Bedienung eher umständlich. Zwar kann ich im M-Modus Blende, Verschlusszeit und ISO effizient einstellen, aber ISO-Auto ist im Menü versteckt. Schnelles Umschalten daher nicht möglich.

Im Sucher sehe ich Blende und Verschlusszeit und ob ISO-Auto an ist – aber der Wert wird mir nicht angezeigt. Auch bei den fertigen Fotos wird mir der ISO-Wert nicht angezeigt! Das kann man aber immerhin konfigurieren. Praxistipp: Unbedingt die Wiedergabe-Optionen alle aktivieren. Dann kann man mit dem Nach-Oben-Button durch die Optionen schalten und sich z.B. das Histogramm anzeigen lassen.

Belichtungsreihen? Selbstauslöser? Alles irgendwie aktivierbar. Der 2 Sekunden Selbstauslöser geht nach jeder Benutzung wieder aus – sehr nervig. Insgesamt möchte ich die kleine Mögen. Wie ich auch meine D5100 sehr mögen wollte, die ich vor zwei Jahren längere Zeit im Einsatz hatte. Es ist mir aufgrund der Bedienung aber nie gelungen – bis heute. Mit der D750 hingegen habe ich mich inzwischen sehr angefreundet und nutze sie viel und gerne. Auch wegen der zusätzlichen Knöpfe.

Ich bin kein Freund von Touch-Displays. Bei diesem Test habe ich aber mehrmals frustriert auf das Display geklopft, in der Hoffnung, plötzlich doch Touch zu haben. Ich sehe die gewünschte Einstellung dort angezeigt, aber ich kann sie nur mühsam ändern. Das wird schnell besser, wenn man mehr mit der Kamera vertraut ist. Für Anfänger und Gelegenheitsuser hingegen könnte Touch die Bedienung deutlich vereinfachen. 

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Das Foto von der Bastei zeigt das Kit-Objektiv auf 18mm bei F7.1. Oben links sieht man selbst in dieser verkleinerten Aufnahme eine starke chromatische Aberration. Richtig knackig scharf ist… nichts.

Als Mann fühle ich mich mit der kleinen Nikon… nicht sehr männlich. Die D750 hat einen richtig coolen Sound beim Auslösen. Laut. Männlich. Die D3300 piepst. Und es mag schön sein, dass sie klein und leicht ist, aber nenn mich ruhig Macho: ich mag es einen grossen Griff in der Hand zu haben. Und einen satten Sound. Gerne mit Quiet-Modus als Option. Wenn ich eine kleine Kamera suche, dann nehme ich ne Kompaktkamera. 

Arbeiten im Live-View

Als Landschaftsfotograf arbeite ich viel auf dem Stativ und dann gerne im Live-View. Leider überzeugt der in der D3300 nicht. Standardmässig zeigt er nicht mal eine Live-Vorschau an. Man sieht den Bildausschnitt und das ist schon alles. Keine Wasserwaage, keine Belichtungsvorschau, kein Histogramm, keine Kantenanhebung. Ein Klapp-Display fehlt. Da vergeht einem der Spass am Arbeiten, wenn man das von einer Systemkamera gewohnt ist. Immerhin: Der Autofokus funktioniert recht gut (für eine DSLR). Auch bei Dämmerung absolut praxistauglich – sofern man in der Stadt ist und Lichter hat auf die man fokussieren kann.

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Autofokus

In der Landschaftsfotografie ist der Autofokus eher nebensächlich. Ich habe daher hier keine gründlichen Tests durchgeführt. Im Alltag bei Tageslicht ist er schnell und zuverlässig – abhängig vom Objektiv. Sobald es dunkel wird bricht die Leistung aber (erwartungsgemäss) schnell ein. Der Autofokus ist eins der Themen, welche die Kamerahersteller in der Einsteigerklasse meist stark einschränken. Sie wollen ihre teureren Kameras ja auch verkaufen. In der Stadt findet man meist Lichter, auf die man fokussieren kann. Portraits im Dunkeln kann man eher nicht machen.

Grosses Problem ist die fehlende Möglichkeit, eine Anpassung am Fokus vorzunehmen. Lichtstarke Objektive müssen an DSLRs leider adaptiert werden. Das geht bei der D750, aber nicht bei der D3300. Mit dem Nikon 85mm z.B. habe ich einen leichten, aber relevanten Fehlfokus. Offenblendige Portraits sollte man mit dem Objektiv zwar aufgrund fehlender Schärfe eh nicht machen – aber wenn man will, dann kann man auch nicht. Hier ein Foto auf F2.0 das einigermassen fokussiert ist (out of camera). Die meisten der Serie konnte ich löschen. Egal, ob ich vor oder hinter der Kamera stand. Die Anzahl Autofokuspunkte sind OKisch. Ein paar mehr dürften es sein, aber man kommt zurecht.

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Fazit

Das Fazit unterstreicht, was ich schon öfter geschrieben habe: Die Bedienung und Bauchgefühl sind die wesentlichen Unterscheidungsmerkmale moderner Kameras auf vergleichbarem Preisniveau. Irgendwer hat immer das neuste Modell mit den neusten Features. Das macht aber keine besseren Landschaftsfotos. Die Bildqualität der Sensoren ist auch bei der Einsteigerklasse bereits seit ein paar Jahren auf sehr hohem Niveau. Viel wichtiger als die Kamera ist es, gute Objektive zu verwenden.

Nachdem ich das gesagt habe muss hier noch mal betont werden, dass die D3300 für Landschaftsfotografen trotz ihrer geringen Grösse nur sehr bedingt zu empfehlen ist. Der Sensor überzeugt, aber der Rest nicht. Die 5×000 Serie von Nikon bietet deutlich mehr Leistung und Komfort für einen geringen Aufpreis. Angefangen bei dem sehr praktischen Schwenk-Display. Beim Arbeiten auf dem Stativ hat man die Kamera nur selten auf Augenhöhe. Ein Klapp-Display macht das Leben entsprechend einfacher.

Mein Fazit ist also (wenig überraschend): Ja, man kann mit der D3300 ernsthafte Landschaftsfotografie betreiben, wenn man ein entsprechendes Objektiv aufsetzt. Wirklich Spass ist bei mir aber nicht aufgekommen und ich gebe die Mietkamera gerne wieder zurück. Der entsprechende Tipp für die Leser mit einer Einsteigerkamera: Kauf Dir ein wirklich gutes Objektiv. Das bringt mehr als die Kamera und es bringt mehr als mehrere mittelmässige Objektive. 

Elbsandsteingebirge mit Philipp Zieger

Elbsandsteingebirge mit Philipp Zieger (D3300 mit dem Kit-Objektiv) – Richtig scharf ist… nichts