„Zünde Dir nicht die Haare an!“, ermahne ich Julia. Sie sitzt mit Robin und mir im Kaffee in Bern an der Aare. Wir warten darauf, dass es dunkel wird und besprechen das geplante Shooting. Lichtmalerei mit Feuerfächern und Pois – Langzeitbelichtung mit Blitz. „Ich mache eine Langzeitbelichtung, wahrscheinlich 1-2 Sekunden“, erkläre ich ihr, „dann ist das Feuer gut zu sehen, es gibt eine Lichtspur. Aber Du bist verschwommen und fast unsichtbar sein. Robin wird einen Blitz auf Dich richten, so dass Du eingefroren, also sichtbar bist.“ Es ist Ende Dezember und bitter kalt, daher besprechen wir die Durchführung in Ruhe im Warmen.

 

Lichtmalerei mit Feuer und Taschenlampen

Um eine Lichtmalerei zu erstellen, muss man eine Langzeitbelichtung durchführen. Die Kunst ist es dabei, so lange zu belichten, dass die Lichtmalerei komplett durchgeführt werden kann und der Hintergrund die gewünschte Helligkeit hat. Im Beispiel von dem Zelt habe ich zunächst eine normale Langzeitbelichtung im M-Modus gemacht. Den ISO-Wert habe ich dabei so gewählt, dass ca. 10-20 Sekunden lang belichtet wird. Dann haben wir das mehrfach wiederholt und Kristina hat mit einer kleinen Taschenlampe auf die Zeltwand geschrieben. Die Schrift ist sichtbar, da die Lampe viel heller als die Umgebung ist. Je langsamer sie schreibt, desto heller ist der Schriftzug. Mit ein paar Minuten Übung findet man da schnell heraus, wie es passt.

Sony A6000 ISO Rauschen Zelt Sternenhimmel

Sony A6000 – Langzeitbelichtung mit Lichtmalerei

Das Schwierige an diesen Fotos ist nicht die Durchführung, sonder eine „coole“ Location zu finden. Entweder sucht man sich einen sehr dunklen Ort, so dass man den Hintergrund gar nicht sieht – oder man bindet die Umgebung bewusst mit ein (was mir pers. besser gefällt).

Den vollständigen Bericht zu diesem Zelt-Foto und dem Vergleich Sony A6000 vs. A6300 gibt es in einem Artikel hier im Blog.

 

Die richtigen Kameraeinstellungen für Lichtmalerei

Um die korrekten Kameraeinstellungen zu ermitteln geht man so vor wie immer: Man belichtet auf die Umgebung (und macht ein paar Testfotos). Je nach Situation wählt man den M-Modus oder den Bulb-Modus. Dabei ist darauf zu achten, dass man genügend Zeit lässt, um die gewünschte Lichtmalerei durchzuführen. Dies kann man mit der Kombination aus ISO-Wert und Verschlusszeit erreichen (Beispiel folgt).

Wichtig ist zu verstehen, dass man im Zweifel ruhig länger belichten kann. Im A6000-Zelt-Foto sieht man unten links am „A“, dass Kristina dort angefangen hat, der Schriftzug ist etwas dicker. Genauso sieht man die Bögen von einer „0“ zur nächsten. Wenn sie fertig ist während die Belichtung noch läuft, dann kann sie einfach die Lampe ausmachen. Der Hintergrund wird dann weiter belichtet, aber der Schriftzug ändert sich nicht mehr. Bei dem Herz-Foto sieht man, dass sie unten angefangen und aufgehört hat, der Strich ist leicht dicker und ausgefranst.

Konkretes Beispiel: Angenommen ich komme auf Blende 2.5 bei 10 Sekunden und ISO 800. Dann kann ich genauso auf ISO 400 gehen und die Belichtungszeit auf 20 Sekunden verdoppeln. Der Hintergrund wird genau gleich hell sein – Kristina hat aber die doppelte Zeit für das Schreiben.

Das ISO-Rauschen wird sich nicht wesentlich unterscheiden. Länger belichten heisst mehr Rauschen, niedrigeres ISO aber weniger. Je nach Kamera und Situation (z.B. Temperatur) wird man die Unterschiede nur unter dem virtuellen Mikroskop sehen.

Milchstrasse in den Alpen der Schweiz. Zelt bei Langzeitbelichtung.

Milchstrasse in den Alpen der Schweiz. Zelt bei Langzeitbelichtung (25 Sekunden an der Sony A6000)

 

Lichtmalerei mit Blitz

Lichtmalerei mit einer Person führt entweder dazu, dass die Person gar nicht zu sehen ist (wenn sie dunkel gekleidet ist und sich schnell bewegt) oder dass sie verschwommen ist. Möchte man die Person sichtbar machen, dann soll sie meist „eingefroren“ sein, also scharf abgegrenzt. Als Faustregel gilt: Normale Menschen können nicht länger als eine halbe Sekunde still halten, selbst wenn sie es versuchen. Es gibt Ausnahmen in beide Richtungen, aber niemand kann 10 Sekunden völlig unbewegt stehen – und schon gar nicht dabei Lichtmalerei machen.

Feuerfächer - Fotografie in Bern bei Nacht

Feuerfächer – Fotografie in Bern bei Nacht (1/10 Sekunde für den Hintergrund und zwei Blitze für Julia)

Hier zum Vergleich ein Foto ohne Blitz. Julia ist viel zu dunkel, das Feuer reicht nicht, sie zu belichten. Wenn ich aber das Foto insgesamt heller mache, dann wäre sie zwar korrekt belichtet – das Feuer aber ausgebrannt.

Der Trick ist daher die Belichtung auf die Lichtmalerei und den Hintergrund auszurichten und die Person komplett zu ignorieren. Wenn das passt, dann wird ein Blitz dazu geschaltet, der wiederum die Person aufhellt. Ein Aufsteckblitz reicht, da man normalerweise mit offener Blende und leicht erhöhten ISO-Werten arbeitet. Der Blitz hat eine extrem kurze Belichtungszeit und die Person ist daher „scharf“ abgebildet. Wichtig ist hier, den zweiten Verschlussvorhang (2nd Curtain) zu wählen. Das kann nicht jeder Blitz. Ich habe in diesen Beispielen den Yongnuo 685 zusammen mit der YN622-TX Fernbedienung an der Canon 6D verwendet (Affiliate Links). An der Fernbedienung kann ich einfach 2nd Curtain wählen. Bei Canon muss ich das nicht in der Kamera aktivieren, bei anderen Herstellern musst Du das mit und ohne Probieren. Das Resultat ist, dass der Blitz erst am Ende der Belichtung zündet, was in den meisten Fällen „besser“ aussieht.

 

Farbgels und weitere Blitze

Julia hat dunkle Kleidung an und ihr Körper ist vor dem dunklen Hintergrund unsichtbar. Wenn sie von einer Seite angeleuchtet wird, dann sieht man einen halben Körper, was wir hier nicht wollten. Daher habe ich einen zweiten Blitz auf den Boden gelegt und sie von hinten angeblitzt (im ersten Foto des Artikels sieht man diesen Blitz am Boden liegen). Dadurch sind beide Seiten sichtbar. Der Blitz ist auf 1/16 gestellt, das Hauptlicht auf 1/2.

Ein wichtiges Detail sind Farbfolien auf den Blitzen. Aufsteckblitze blitzen mit weissem Licht, so dass ein künstlicher Look entsteht. Besser ist es meistens, eine Farbfolie zu verwenden. Entweder Orange/Gelb, um das Licht an die vorhandenen Farben anzupassen, oder eine bunte Farbe für einen speziellen Look. Blau ist hier z.B. evtl. interessant.  Ich verwende die Farbgels von Rogue, es gibt billige Nachbauten, die ich aber nicht kenne (Affiliate Link).

 

Tipps und Tricks

Jetzt im Winter ist die Lichtmalerei einfach, weil die Nacht so lang ist. Auch in Verbindung mit Schnee kann man interessante Spielereien machen. Wie wir sollte man das Shooting aber im Warmen gut vorbereiten, sonst wird der Spass schnell zur Qual. Wichtig ist auch, die Kamera sicher im M-Modus bedienen zu können und wenn man die Blitze mit einsetzen möchte, diese gut zu kennen. Farbgels, Reflektoren und weitere Blitze können helfen, wichtige Aufhellungen und Reflexionen zu setzen.

Das Wichtigste: Wir machen das zum Spass. Blödeln gehört zwingend dazu! Im Making of Foto am Ende des Artikels sieht man noch mal das Setup: Ein Blitz mit Farbgel am Boden und eine 90er Softbox von oben. Die richtige Belichtung prüfe ich entweder mit einem Laptop oder anhand des Histogramms.

Keinen Artikel mehr verpassen?

Dann schreib Dich in den Newsletter ein!

Pois - Fotograf Stephan Wiesner aus Bern

Pois – Fotograf Stephan Wiesner aus Bern an der Aare vor dem Münster