Das Thema Fehlschläge und Motivation geht uns alle an.  „Think BIG“ und „Wenn Du es doll genug willst, dann kriegst Du es auch“. Motivationstrainer und die entsprechenden Bücher haben leicht reden. Die Wirklichkeit ist doch: Unser Alltag ist voller kleiner Hindernisse, wiederholter Misserfolge und Ausreden. Wie ich damit umgehe, wenn es mal nicht so läuft wie geplant liest Du in diesem Beitrag.

Als Fotograf erlebe ich ständig Fehlschläge

Die meisten Privatpersonen, die ich frage, ob sie fotografiert werden wollen – wollen nicht. Selbst wenn ich es umsonst mache. Heute ist das einfacher für mich, als vor drei Jahren, aber ich erhalte immer noch viele Absagen, wenn ich Sportler anschreibe. Die meisten Firmen, die ich wegen Sponsoring anschreibe – antworten nicht mal oder lehnen 6 Wochen später ab.

Von meinem Tagessatz könnte ich gut leben – nur habe ich häufig Tage ohne Auftrag.

Meine Blog-Artikel werden tausende male aufgerufen und auch gelesen, aber viel zu wenig geteilt. So wird mein Blog nie wirklich gross werden 🙁

Ich habe Tage, da gelingt mir nichts. Ich stehe frierend und unmotiviert draussen und es will mir einfach kein Foto gelingen. Gestern auch schon nicht. Und vorgestern auch nicht.

Arbeiten im Hotel-Bett

Arbeiten im Hotelbett

 

Was man schnell lernt: Nicht persönlich nehmen und nicht aufregen. Leichter gesagt, als getan. Eine Frage der Persönlichkeit, aber lernbar. Früher war ich berüchtigt dafür, dass ich im Büro schon mal schreie oder Mäuse an die Wand werfe. Mache ich immer noch – aber heute gehe ich dafür in ein leeres Sitzungszimmer. Nach aussen bin ich ruhig, ausgelassen und selbstbewusst. Ganz falsch ist es, in ein „na warte, euch werde ich es zeigen“ zu gehen. Unprofessionell.

Nachdem ich das gesagt habe: Einige meiner grössten Erfolge im Leben habe ich erreicht, weil mir jemand gesagt hat, dass ich das nicht könnte. Meine erste Studienarbeit hat mein Prof zerrissen und mir sehr deutlich gesagt, dass ich nicht schreiben könne. Er hatte Recht. Konnte ich auch nicht. 2 Jahre später konnte ich 10-Finger tippen, habe meine Diplomarbeit mit 1.0 abgeliefert und danach einen IT-Bestseller geschrieben. Aber: Ich bin nie zu dem Prof. gegangen und hab es im gesagt.

Meine grösste Motivation ist es, wenn mir jemand sagt, dass ich das nie schaffen werde.

Es kann einen schon kräftig runterziehen, wenn man als Künstler eine Reihe Absagen in Reihe bekommt. Hier helfen Motivation und vor allem das Feedback von Freunden und Familie. Es hilft, wenn Mama sagt, dass Du der beste Fotograf bist, den sie kennt. Believe me, es hilft! Aber am Ende des Tages musst Du an Dich glauben. Du musst sehen können, wer Du in einem Jahr bist. Und dann einen Weg finden, von hier nach dort zu kommen.

Du musst sehen können, wer Du in einem Jahr bist.

 

Trailrunner am Matterhorn - Sport-Fotograf in Bern beim Trailrunning in den Alpen.

Trailrunner am Matterhorn – Sport-Fotograf in Bern beim Trailrunning in den Alpen.

 

Die Anderen sind nie schuld!

Ausreden sind was für Verlierer. Klingt hart, aber das ist so eine der Lektionen, die ich im Leben gelernt habe. Es gibt immer „Umstände“, man ist immer abhängig von irgendjemandem. Na und? Hier hilft mir sicherlich mein Beruf als Software-Testmanager, wo ich häufig zwischen den Fronten von Entwicklung, Fachbereich und Auftraggeber bin und wo sich sehr viel die Schuld zugewiesen wird. Das führt zu Stillstand und im schlimmsten Fall zu Rechtsstreitigkeiten. Eine Lösung erzeugt das nicht. Meine Aufgabe ist es: Probleme zu lösen, nicht Finger-Pointing zu betreiben.

Es ist einfach ein Verlierer zu sein und anderen die Schuld zu geben. Sieger übernehmen Verantwortung.

Ich versuche es zu vermeiden, anderen „die Schuld“ zu geben. Wenn das Model einfach keine richtige Pose annimmt, dann ist nicht sie „schuld“, sondern ich kann ihr meine Vision nicht richtig vermitteln. Entweder finden wir eine Lösung oder wir brechen das ab/verschieben – und dann übe ich das. Ich übernehme die Verantwortung. Natürlich gibt es viele Situationen, wo wirklich jemand anders „schuld“ ist. Das Model hat keine Lust und meldet sich krank – oder meldet sich gar nicht. Passiert sogar mit Pay-Models an Workshops. Dann muss man halt flexibel sein und sich etwas einfallen lassen. Die Situation ist, wie sie ist und wir brauchen eine Lösung. Schimpfen kann ich dann am Abend daheim.

Auch im Alltag fällt mir immer wieder auf, dass ich ganz anders mit Situationen umgehe, als noch vor 10 Jahren. Ich schimpfe nicht mehr, sondern reagiere mit „OK, wie finden wir eine Lösung?“ Ruhig und sachlich. Und dann findet sich eine Lösung.

 

„Aber“ ist das Problem

Du murmelst beim Lesen wahrscheinlich vor Dich hin „der hat leicht reden, der hat ja keine Kinder“ oder „ich würde ja, aber diese Woche hatte ich Nachtdienst“ oder „jaja, ich weiss. Nach Sylvester fange ich mit der Diät an“.

Apollo Creed in Rocky III: „There is no tomorrow!“

Ich habe die gleichen Sorgen, Probleme und Hindernisse wie alle. Auch ich denke: „Das Projekt wäre cool, aber ich habe kein Team“ oder „aber ich habe kein Budget“ oder „aber ich nuschel, niemand versteht mich“. Das mag wahr sein, reflektiert aber nur die aktuelle Situation und nicht ein Naturgesetz, dass man nicht brechen könnte. Immer wenn ich mich erwische, dass ich „aber!“ ausrufe, halte ich inne und versuche eine positive Formulierung für mein Tagebuch zu finden.

Statt „aber ich habe kein Budget für das Shooting“ werde ich spezifisch und schreibe mir vielleicht auf „Ich habe es durchgerechnet. Das wird 800 CHF kosten. Wenn ich die wieder reinbekommen möchte, muss ich 30 Sponsoren anrufen oder ein Kauf-Tutorial draus machen. Alternativ kann ich es aus dem Ersparten bezahlen oder abbrechen.“

Damit wird aus dem unspezifischen und träumevernichtenden „aber“ eine nüchterne Auflistung von möglichen Optionen, idealerweise mit einem Preisschild. Und schon kann ich logisch argumentieren und evtl. bewusst abbrechen.

Bodybuilder Fotografie: Frau mit Langhantel in Luzern

Bodybuilder Fotografie: Frau mit Langhantel in Luzern

 

Retrospektiven als Erfolgsrezept

Die bewusste Aufarbeitung von Fehlschlägen in meinem Foto-Tagebuch ist ein wesentliches Erfolgsrezept von mir. Emotionen raus nehmen und einen Fehlschlag zu einer Lektion wandeln. Fehlschläge sind nur dann richtig schlimm, wenn man die gleichen Fehler immer wieder macht. Ansonsten ist es einfach Lehrgeld und normaler Bestandteil des Lebens.




Wenn es irgendwie geht versuche ich Fehlschläge so aufzuarbeiten, dass ich es noch mal machen könnte und es dann klappen würde. Teilweise übe ich etwas oder recherchiere das fehlende Wissen oder spiele es zumindest in Gedanken durch, wie es hätte laufen sollen. Möglichst realistisch. After-Mission-Report nennt man das beim Militär.

Fotografieren lernen mit einem Foto-Tagebuch

Fotografieren lernen mit einem Foto-Tagebuch

 

 

Motivation kommt von innen

The last three or four reps is what makes the muscle grow. This area of pain divides the champion from someone else who is not a champion. That’s what most people lack, having the guts to go on and just say they’ll go through the pain no matter what happens. (Arnold Schwarzenegger)

Wir erleben alle Rückschläge, Hindernisse, Verlockungen und Depressionsphasen. Was uns unterscheidet ist, wie wir damit umgehen. Nur wer genügend Motivation hat, sich durch diese Tiefphasen durchzubeissen, wird wirklich weit kommen. Mit hat es im Leben sehr geholfen, dass ich so viel Sport machen. Es ist für mich normal, ein „Plateau“ zu haben, dass man mühsam durchbrechen muss oder nach einer Verletzung wieder frisch zu starten. Deswegen ist es wichtig, sich klare Ziele zu setzen, an die man glaubt. „Noch nicht da, wo ich sein möchte? Was fehlt? OK, weiter gehts…“ Das ist nie einfach und tut häufig weh. Aber es gehört zum Leben dazu.

Wer nur Routine-Aufgaben macht erlebt keine Rückschläge. Wer wachsen will, muss gegen Wände laufen, um sie zu durchbrechen.

Meine Motivation in der Fotografie nehme ich aus dem Feedback meiner Models und den Likes und Kommentaren auf Social Media. Dabei ist die Menge (fast) irrelevant. Die gleiche Motivation hatte ich auch schon von 100 Fans bekommen. Und vor allem aus dem tiefen, festen Glauben, dass ich meine Ziele erreichen werde. Heruntergebrochen in Meilensteine sind sie überschaubar, erreichbar und ich kann den Fortschritt ständig kontrollieren.

Stephan-Wiesner-Fotograf-Bern

Stephan-Wiesner-Fotograf-Bern

 

Das vergebliche Warten auf die grosse Chance

Eine letzte Lektion des Lebens hätte ich noch für die jüngeren Leser: Wer auf seine grosse Chance wartet – wartet wahrscheinlich vergebens. Es mag nach aussen einfach aussehen, Erfolg zu haben, weil man zur richtigen Zeit am richtigen Ort war. Aber zum einen ist das extrem unwahrscheinlich, weil wir alle darauf lauern. Und zum anderen gehört immer eine Vorgeschichte dazu.

Das ich auf die Photokina 2016 als Vortragender eingeladen wurde war Glück – aber das „Glück“ hatte ich nur, weil ich bereits 40.000 Youtube Fans aufgebaut hatte. Es war also eigentlich nicht Glück, sondern nur die Frage: Klappt es 2016 oder erst 2018? Meine Fotografie-Bücher sind Bestseller. Das war kein Glück, sondern monatelange harte Arbeit – und hat auf dem vorherigen aufgebaut.

Wenn Du Dich also erwischt bei Gedanken wie „Wieso hat der so viele Likes für seine Fotos, ich mache das besser als er!“, dann mag das sogar stimmen. Wenn Du dann aber schmollst und wartest, bis die Welt Dich entdeckt – dann wird das wahrscheinlich nicht passieren.

 

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