Ausgerechnet der kälteste Januar seit dreissig Jahren ist mein erster Arbeitsmonat nach dem halben Jahr Auszeit. Nachdem ich 6 Monate mein eigener Chef war, sitze ich jetzt wieder 34 Stunden im Grossraumbüro und beschäftige mich mit dem Testen von Software für Behörden hier in Bern. “Und? Bereust Du es zurückgekommen zu sein?”, werde ich von Kollegen gefragt. Die Antwort… könnte zum Nachdenken anregen.

Portrait von Mann im Anzug - Fotograf Stephan Wiesner aus Bern

Fotograf Stephan Wiesner aus Bern (Foto by Klaus Reinders)

 

Der Tag hat 17 Stunden

Sport Fotograf im Fotostudio

Sport Fotograf im Fotostudio

Das Wichtigste vorweg: Nur weil ich wieder 80% in einer normalen Festanstellung bin, heisst das ja nicht, dass ich nicht mehr fotografieren kann. So habe ich vor zwei Wochen einen Dienstagsurlaubstag genommen, um zu Calvin Hollywood nach Mannheim zu fahren  – und am Freitag der gleichen Woche bin ich schon wieder dort vorbei gefahren, auf dem Weg zum Workshop in Traben Trarbach.

Was sich klar geändert hat: Der Tag ist wieder mehr durchorganisiert. Die letzten beiden Monate hatte ich mich doch ein wenig gehen lassen. Ausschlafen bis um 6, frühstücken in der Küche, auch mal ne Stunde rumliegen und einen Krimi lesen, so die üblichen kleinen Alltagsdinge, für die man als Angestellter Zeit hat.

Jetzt lese ich wieder Fachliteratur, gehe meist vor 6 aus dem Haus, damit ich um 6 beim Sport bin, damit ich um halb Acht im Büro bin, damit ich um 17 Uhr am Blog schreibe…

 

 

Als Angestellter bin ich nicht allein

In dem Artikel Turning your Passion into a Profession habe ich das Thema ausführlich behandelt: Wenn das Hobby zum Beruf wird, droht der Spass zu gehen. Fotograf sein heisst häufig: 30 Minuten fotografieren, 1 Stunde Photoshop, 1 Stunde Admin und Akquise, evtl. noch Reisezeit. Und Geld bringen die “langweiligen” Standardsachen. Die spassigen sichern den Unterhalt nur indirekt: Calvin hat mich zwar zum Mittagessen eingeladen – unter vom Fotografieren leben verstehe ich aber doch etwas mehr 🙂

Als Fotograf bin ich also die meiste Zeit alleine am Computer oder auf Reise. Als Angestellter sitze ich mit Kollegen/Kunden hier in Bern zusammen, habe Meetings, geregelte Mittagspausen. Heute kam meine Lohnabrechnung und ich wusste schon vor 6 Monaten, was drauf stehen wird. Wenn ich Morgen einen Unfall habe, dann bin ich gut abgesichert und wenn ich bis zur Rente durchhalte auch. Mit 20 sagt es sich leicht: Riskier mal was. Aber wenn ich jetzt alles auf die Foto-Karte setze und es funktioniert nicht oder ich ertrag das geknippse nach 5 Jahren nicht mehr – dann bin ich 50. Wer stellt einen ITler ein, der 5 Jahre aus dem Beruf raus ist und schon in Richtung Rente schielt?

Eben, wird schwierig.

Stephan Wiesner Fotograf aus Bern

Stephan Wiesner Fotograf aus Bern

 

Spitzenleistung neben dem Beruf ist hart – aber möglich

In dem Interview mit der Schweizer Meisterin im Bodybuilding Eleni Strati hat sie gut aufgezeigt, dass Top-Leistung und Vollzeitberuf kombinierbar sind – es hat einfach seinen Preis. Ich nehme Kraft daraus, mit Menschen zusammenzuarbeiten, die so intensiv ihrer Leidenschaft nachgehen – und dennoch ihr Leben im Griff haben. An mir selbst sehe ich aber auch, dass es über die Jahre einen Preis hat.

Fitness Sport Fotograf in Bern

Bodybuilderin Eleni bei mir in Bern

Daher ändern sich (mal wieder) ein paar Dinge bezüglich meiner Fotografie. Ich mache keine Mitarbeiterfotos mehr, keine Hochzeiten oder Events und konzentriere mich ausschliesslich auf Bewerbungsfotos und vor allem Sportler. Das erlaubt mir, genügend Zeit für Dich zu haben. Für Youtube und Blog und weitere geplante Projekte. Das Projekt Fotografieren lernen mit Kristina ist z.B. voll am Laufen, da wird es noch ein paar interessante Dinge geben. Alles nicht mit dem Tempo des letzten halben Jahrs, aber, eben in 17 Stunden kann ich ne ganze Menge reissen, wenn ich motiviert bin.

 

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Eine Auszeit ist dafür da, Träume zu realisieren

Eine Auszeit vom Beruf sollte nicht nur dazu dienen “mal weg zu kommen” oder “sich klar zu werden, was man will”. Das mag für manche funktionieren, aber ich glaube da nicht dran. Tief in Deinem Inneren weisst Du auch vorher, was Du willst oder machen solltest. Die Auszeit ändert die Gründe dagegen wahrscheinlich nicht.

Aber die Zeit erlaubt es, Träume zu realisieren. Mir hat sie ermöglicht, mein Landschaftsfotografie-Buch zu schreiben und ein halbes Jahr Youtube-Fotografie-Lehrer auf Probe zu leben. Und ja, es ist sehr cool, wenn ich sagen kann “mein Büro ist, wo mein MacBook ist”. Im kältesten Januar seit dreissig Jahren bin ich aber auch manchmal froh, dass mein Arbeitsplatz im Grossraumbüro warm und trocken ist, mit Toilette auf dem Gang und Kaffeemaschine in bequemer Reichweite.

 

Fotograf aus Bern - Stephan Wiesner

Fotograf aus Bern – Stephan Wiesner

 

Und in einem Jahr?

Ich muss vorsichtig sein, mein Chef liest mit 🙂 Wie immer habe ich einen Plan, bzw. mehrere Pläne. Mein 1-Jahresplan steht und ich hoffe sehr, dass Du in einem Jahr noch dabei bist und meine Blogbeiträge liest 🙂

Für mich passt die aktuelle Situation, ich bin weiter gut unterwegs dahin zu kommen, wo ich hin will.  Ich weiss, dass ich es richtig mache, solange ich morgens um halb fünf  ungeduldig im Bett liege und darauf warte, dass ich endlich aufstehen und schreiben darf.

Stephan Wiesner Bern

Stephan Wiesner Bern