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Slackline + Eisklettern in der Nacht

Ich bin mal wieder das Pummelchen in der Runde. Und der alte Sack. Zu siebt stehen wir im Dunkeln in Pontresina, einem Bergsport Ort in der Schweiz, auf der Brücke über eine enge Schlucht. Die Schlucht ist berühmt für Eisklettern bis in den April und wir haben ein gröberes Foto-Projekt geplant – und jetzt ein Problem. Ein wenig ratlos laufen wir noch mit den Stirnlampen die Schlucht entlang, dann geben wir es für den Abend auf. Morgen im hellen werden wir hoffentlich eine Lösung finden.

 

Pontresina - Eisklettern und Slackline mit LED-Lichtern

Pontresina – Eisklettern und Slackline mit LED-Lichtern

Als Sportfotograf Fotoprojekte im Bergsport planen

Mit meinem „I am in“ geht für mich die Arbeit als Fotograf los. Mehrere Nächte lag ich wach im Bett und habe  Optionen durchgespielt, überlegt, was ich mitnehme. Brauche ich einen Blitz oder nicht? 16mm Ultraweitwinkel oder ein leichtes Tele? Das Zielfoto ist nur ein einzelnes Foto. Das muss sitzen sonst haben 7 Leute zwei Tage verschenkt. Ich möchte aber auch ein paar Stimmungsfotos drumherum machen und ich bin auch der Filmer. Das Ein-Mann-Team im Einsatz.

Neben mehreren Kameras und Objektiven brauche ich auch mein Kletterzeugs, Helm, Steigeisen, etc. Und ich muss mich darauf einstellen, dass ich zum Fotografieren in der Wand hänge und mich mit einer Hand festhalten muss. Daher fallen manche Optionen weg. Eine Kamera, die ich nicht mit dicken Handschuhen bedienen kann ist z.B. diesmal nicht geeignet.

Nikon D750 auf Rollei Stativ

Fotografieren am Abgrund: Nikon D750 auf Rollei Stativ

Ich gehe in der Planungsphase  immer so vor, dass ich versuche mir das Zielfoto möglichst genau vorzustellen. Das geht im Bergsport jedoch häufig nicht wirklich. Bei diesem Projekt z.B. hing alles davon ab, wieviel Eis in der Wand ist und wie sich das Licht der LED-Lampen im Eis verteilen würde. Sehr viel hängt auch davon ab, wie ruhig Reto auf der Slackline stehen können wird. Barfuss bei Minusgraden. Im Dunkeln.

 

Der Klimawandel macht uns zu schaffen.

Der zweitwärmste März überhaupt hat dazu geführt, dass kaum noch Eis in den Wänden der Schlucht ist. Unser geplantes Foto macht daher kaum noch Sinn.  Reto hatte die Idee mit dem Foto. Er ist ein sehr erfahrener Slackliner und wird auf der Line stehen. Mätt und Pauline sind ebenfalls Slackliner und werden uns beim Aufbau der Slackline helfen. Bernhard und Will sind Bergsport-Allrounder. Bernhard wird für das Foto als Eiskletter in einem Eisfall hängen und Will ihn sichern.

Solche Projekte funktionieren nur mit #Teamwork

Auf der Suche nach einer “fotogenen Stelle” finden wir schliesslich ein Stück weiter die Schlucht herab einn Ort, der noch genügend Eis in den Wänden hat. Aber dort können wir nicht die geplante einfache 35m Slackline spannen.

Slackline - Highline in den Alpen, Schweiz

Slackline – Highline in den Alpen, Schweiz

 

„Das sind knapp 100m und ich habe nur eine 88m Line dabei.“ Reto reibt sich den Bart, während Bernhard der ewige Optimist ist: „Das sollte schon hinhauen!“ „OK, Männer, holen wir erstmal den Lasermesse aus dem Auto, dann wissen wir es.“, versuche ich die Diskussion zu beenden. Ich möchte das Projekt hier durchführen. In der Nacht wird die Schlucht an dieser Stelle spektakulär aussehen – und ich muss ja nicht auf der Slackline stehen….

Wir messen nach: Von Baum zu Baum kommen wir auf 63m. Damit ist klar: Wir versuchen es.

 

Highline-Schlucht-Schweiz

Die Highline über die Schlucht- Bernhard Witz auf der Slackline

 

 

Die Drohne schafft die Verbindung

„Mit der Drohne dauert es 5 Minuten, ohne 2 Stunden“. Wir stehen auf der kleinen Steinbrücke oberhalb der Schlucht und diskutieren, wie wir die Verbindung hin bekommen. Es ist immer eine Schwierigkeit, im unwegsamen Gelände zwei Punkte mit einem Seil zu verbinden. 63m ist zu weit zum Werfen. Die Wände der Schlucht sind senkrecht und mit viel Gestrüpp und Bäumen bewachsen. Am Boden fliesst ein reissender Bach. Die einfachste Möglichkeit wäre es daher, eine dünne Schnur mit der Drohne vom Start zum Endpunkt zu fliegen und daran dann die Slackline rüber zu ziehen.

“Probieren wir es auf dem Parkplatz aus”, stimme ich schliesslich zu. Die DJI Mavic Pro habe ich erst drei Tage und sie ist eigentlich zu klein, um Lasten zu tragen. Ich habe noch keine Erfahrung im Fliegen. Reto fliegt Model-Hubschrauber, hat aber noch nie eine Drohne gesteuert. Schnell stellt er jedoch fest, dass Drohnen steuern viel einfacher ist und wir merken, dass die kleine Mavic auch bei Wind stabil ihre Position hält. „Teilen wir durch vier, wenn sie abstürzt?“, versichert Reto sich noch mal. Wir blicken uns kurz an und nicken. „Let’s do it“ stimme ich zu. Die Zeit läuft uns davon, wir müssen endlich loslegen.

Highline-Schlucht-Schweiz

Reto auf der Highline über einer Schlucht in der Schweiz

 

Aufbau im Dunkeln

„Ein Gläschen Wein zum Essen?“ Der Kellner in der Pizzeria in Pontresina versucht uns in Versuchung zu führen. „Ein kleines Panasch“ und dann „wir müssen noch Arbeiten“. Während es draussen dunkel wird, wärmen wir uns noch mal auf. Es liegen noch Stunden vor uns. Das Problem beim Eisklettern ist, dass es kalt sein muss. Der Kletterer bewegt sich, ihm ist warm. Wir anderen stehen rum – und frieren. Die Lampen positionieren wir erst im Dunkeln, nur so können wir abschätzen, wo sie genau positioniert werden müssen. Dann beginnt ein Wettlauf mit den Akkus. Wir haben keine Ahnung, wie lange sie im Dunkeln halten werden.

„Du musst jetzt im Dunkeln den Wasserfall abseilen, ist das kein Problem für Dich?“ Bernhard und ich stehen am Auto oberhalb der Schlucht in Pontressina, Graubünden. Er hängt sich gerade den Klettergurt voll Material. Es ist 22 Uhr und stockdunkel. „Ne, das ist kein Problem.“ kommt die lakonische Antwort. „Ich habe ja die Stirnlampe.“, wir müssen beide lachen.

„Pass auf Dich auf!“ Wir stossen noch einmal die Fäuste gegeneinander, die „Viel-Glück-Geste“ der Slackliner. Dann verschwindet Bernhard klappernd in der Dunkelheit und ich gehe im Licht meiner Stirnlampe zum Fotospot. Rund 2 Stunden wird es noch dauern, bis die letzte Lampe platziert ist. Per Funk gebe ich ihm Anweisungen. Pauline und Reto unterstützen Bernhard von oben, Will hat sich in seinen Schlafsack gerollt und schläft, während Matt und ich über die genaue Platzierung der Lampen diskutieren. Und warten.

 

Slackline laufen in der Nacht

Endlich sind wir parat. „Diesmal kann ich keinen Partnercheck bei Dir machen, pass auf Dich auf!“ Mätt verabschiedet von Reto mit einem Faust auf Faust. Er sichert Bernhard beim Abstieg in den Eisfall, während Reto sich an der Slackline anbindet und sich in die Mitte der Schlucht hinaus hangelt.

„Einen. Versuch. Noch“. Ich spreche sehr langsam und deutlich in mein Funkgerät. Pauline steht auf der Brücke und hat das zweite in der Hand. „Einmal noch!“ schreit sie zu Reto hinüber. Er sitzt auf der Slackline und versucht sich die Füsse zu wärmen. Unter ihm hängt Bernhard in der Wand und Matt sitzt am Ende der Slackline und spielt Leuchtturm für Reto. Beim Slackline laufen braucht man einen Fixpunkt zum anblicken. Im Dunkeln verwendet man dafür eine schwache Lampe.

Ich sitze hinter meinem Stativ am Abgrund. Das Stativ ist direkt über dem Boden, das vordere Bein schon Unterhab der Graskante. Wenn ich hier in der Aufregung im feuchten Gras abrutsche, dann habe ich nichts, um mich festzuhalten. Einen Klettergurt habe ich um, aber vergessen mir eine Sicherungsleine zu organisieren. Wird schon nichts passieren, ich sitze ja, fallen kann ich nicht mehr.

Eisklettern bei Nacht: LED Lampen im Wasserfall

Testfoto: Eisklettern bei Nacht: LED Lampen im Wasserfall (8 Sekunden)

Die Schwierigkeit für mich als Fotograf ist es, abzuschätzen, wie ich das Foto belichten soll. Einerseits möchte ich das ISO-Rauschen möglichst niedrig halten, um in der Nachbearbeitung mehr Möglichkeiten zu haben. Die einfache Möglichkeit länger zu belichten kann ich hier nicht verwenden, da Reto maximal 1/10 Sekunde ruhig stehen kann. Gleichzeitig haben wir extreme Helligkeitsverläufe von den Lampen und dem dunklen Fels. Kein Problem für die Sony A7II – wenn ich auf ISO 100 bin. Aber ein grosses Problem bei ISO3200. Der Dynamikumfang sinkt mit steigendem ISO-Wert. Verlasse ich mich normalerweise auf das Histogramm, ist das hier nicht möglich. Die Stirnlampen sind ausgebrannt, die dunklen Felsen komplett schwarz.

Ich mache solche Projekte nicht das erste Mal, das hilft. Es hilft z.B., dass ich weiss, was ich nicht weiss. Und mein MacBook dabei habe, für einen letzten Check.

 

 

Viel Lärm um nichts?

Wenn sieben Leute zwei Tage Aufwand für ein Foto betreiben, dann muss man auch mal fragen, ob sich das lohnt. Geld bekommt schliesslich keiner von uns dafür. Ruhm auch nicht. Aber eigentlich ist es die falsche Frage. Wir haben viel gelacht und getüftelt. Wir haben in der Sonne gelegen und Mätt und Pauline beim Acro-Yoga zugeschaut. Und wir haben uns gepusht. Jeder auf seine Art. Pauline ist bei ihrem ersten Versuch die Line zu begehen wiederholt gestürzt – aber es ging bei jedem Versuch besser. Ich habe Erfahrung im Umgang mit Lichtern im Eis gemacht und bei diesem Projekt viel übers Filmen gelernt, dass ich in künftigen Projekten sicher gut gebrauchen können werde.

Acro Yoga - Schweiz

Acro Yoga – Mätt und Pauline

Persönlich nehme ich aber vor allem auch viel Motivation aus der Zusammenarbeit mit den jungen Sportlern mit. Wir haben in einer Ferienwohnung zusammen gewohnt und vor dem Frühstück schon Handstand im Wohnzimmer geübt. Als ich in der Küche stehe und die Finger auf die Leiste über der Tür gelegt habe kam vom Reto sofort ein „Das hält nicht“ und wir wussten beide, dass er damit meint, dass ich keine Klimmzüge am Türrahmen machen soll. Kletterer unter sich.

Von daher: Ja, das Projekt hat sich mega gelohnt. Nur für uns, auch ohne, dass wir ein einziges Foto zeigen würden.

 

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Ein Kommentar

  1. Stefan 5. Mai 2017 um 15:11 Uhr - Antworten

    Auch als eher unsportlicher Zeitgenosse beeindruckt mich die Leistung, die bei einem solchen Projekt erbracht wird. Für mich liest sich der Beitrag sehr spannend. Fotografisch und aus sportlicher Sicht. Ein gesundes Gemisch aus beiden Themenwelten. Danke für den Einblick und schön seid ihr gesund zurückgekehrt.

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