Canon EOS R Kamera im Testbericht

“So schlecht wie alle Reviews behaupten kann die Canon doch nicht sein! Ich meine, come on, das ist ne Canon!” Ich sitze bei mir im Büro und lese den achten Testbericht in Folge und selbst die sonst immer positiven Berichte von dpreview finden kaum etwas positives an der Kamera. Die viele Kritik weckt meinen Mutterinstinkt und ich beschliesse Canon eine letzte Chance zu geben. Mit Canon habe ich fotografieren gelernt. Canon 550D, 60D, 70D, 6D, 80D habe ich alle schon besessen und häufig mit diversen 5D Kameras gearbeitet. Viele meiner Lieblingsfotos sind mit einer Canon entstanden und selbst jetzt nehme ich noch meine alte Canon 6D aus dem Schrank, wenn ich im Studio arbeite oder Outdoor Portraits mache.

Die Canon EOS R ist die erste Vollformat Kamera ohne Spiegel von Canon. Sie selbst schwärmen von einer “Revolution”. Was sie kann und wo ihre Schwächen liegen liest Du in diesem Test.

Bahnbrechende Technologien für ein ganz neues Niveau an Kreativität (Canon)

Auf Flickr habe ich ein paar Fotos in höherer Auflösung bereit gestellt. Disclaimer: Ich habe keinen Kontakt zu Canon und die Kamera ganz normal selbst gekauft und gezahlt.

Canon EOS R in Island
Die Canon EOS R Kamera in der Praxis

Praxiseinsatz

“Oh verdammt. Das kann doch nicht sein!” Hektisch blättere ich daheim am Computer durch meine Fotos. Dann lege ich den Kopf in die Hände und brauche einen Moment, um mich zu sammeln. Die Fotos der letzten beiden Tage haben nur 12 statt 30 MP. Die Canon hat zwar nicht mehr die Option M-RAW, dafür aber eine neue “Seitenverhältnis” und irgendwie muss ich die aus Versehen umgestellt haben. Mir ist es die letzten Wochen häufig passiert, dass ich aus Versehen etwas umgestellt habe, weil meine plumpen Finger an das Touch Display gekommen sind, ohne dass ich es merke. Ausgerechnet das Wasserfall-Foto, dass ich ausdrucken und aufhängen wollte hat jetzt zu wenig Pixel dafür.

Die Praxis mit der Canon EOS R ist vom Fokussieren geprägt. Entweder Du magst das Touch and Drag Fokussieren mit dem Finger oder Du hasst es (so wie ich). Scheinbar sind Fotografen, die mit dem rechten Auge fotografieren hier bevorteilt. Bei mir ist das linke, das starke Auge. Meistens fotografiere ich im A/AV-Modus mit ISO-Automatik und der einzige Punkt den ich verstelle ist der Fokuspunkt. Da auch die Gesichtserkennung nicht so gut ist, wie bei anderen modernen Kameras, muss man den Fokus noch manuell verschieben können.

Dafür erfreuen die Farben, Sucher und Display und die Dateien haben mit 30 MP für mich genau die ideale Größe. Mein schwaches 12er MacBook kann die Dateien gut verarbeiten, sie bieten mehr Reserve als eine 24 MP Datei und vielfach reichen mir die JPGs für ein Social Media Posting (von denen ich ja letztlich lebe). Dazu kommt die große Auswahl an sehr guten Objektiven (die mit dem Motor im Objektiv fokussieren, also laut und langsam sind). Endlich kann man mit einer Canon auch offenblendige Objektive einsetzen, ohne an der Mikrofokus Anpassung zu zweifeln. Ich habe die ersten Tage ausschliesslich mit dem 50mm Canon 1.4 Objektiv gearbeitet. Allerdings ohne Augenfokus, also eher auf Blende 1.8 als 1.4 wie ich es bei einer Sony gemacht hätte.

In Island habe ich bei Minusgraden, stürmischem Wind oder greller Sonne gearbeitet und mich über die Wetterfestigkeit gefreut. Dabei ist die Arbeit mit Handschuhen, anders als bei alten Canons, nicht einfach, aber möglich. Auf dem Stativ ist die Kamera eine Freude, da ich das klappbare Display in beliebige Positionen bringen und immer gut ablesen kann. In der Hand kämpfe ich dagegen mit dem von meiner Nase verschobenen Fokuspunkt.

Besondere Freude macht die Touchfunktionalität für das Betrachten von Fotos. Insbesondere im Studio versteht das Model sofort, wie es funktioniert und wir können Fotos effektiv besprechen und gleich bewerten. Hier hat die Kamera gegenüber den Sonys einen deutlichen Mehrwert.

Dynamikumfang

Dynamikumfang

In der Landschaftsfotografie braucht man einen hohen Dynamikumfang, wenn man helles Sonnenlicht und dunkle Schatten in einem Bild vereinen möchte. Das Foto von der Diamond Beach in Island zeigt eine typische (und einfache) Situation. Mit ein paar Reglern kann ich Schatten aufhellen und helle Stellen abdunkeln, um den Look zu erzeugen, den ich vor Ort gesehen habe. Dabei soll möglichst wenig Rauschen in den aufgehellten Schatten entstehen.

Der Canon Sensor überzeugt dabei nur bedingt. Er war mit der Einführung der 5D Mark IV vor drei Jahren schon nicht auf Augenhöhe mit Sony und Nikon und ist es heute noch weniger. Wenn man sich aber mal von den Messwerten löst, dann kann man in der Praxis sehr gut damit arbeiten. Ich mache mit Canon öfter eine Belichtungsreihe, aber längst nicht in jeder Gegenlichtsituation. Bei diesem Beispiel hilft das helle Wasser/Eis. Es gibt wenig Schatten und ein Rauschen in dem schwarzen Strand wird niemandem auffallen.

Skogafoss in Island

ISO-Rauschen

Das Foto von mir am Skogafoss ist ein out of camera JPG bei ISO 1600 (Standard Rauschreduzierung). Das Mondlicht ist hell genug, um kein auffälliges Rauschen auftreten zu lassen und die Farben gefallen. Damit können viele wohl schon sagen: Ende der Diskussion.

Wer hauptsächlich Konzerte oder Sterne fotografieren möchte, wird bei höheren ISO-Werten manuell eingreifen müssen. Aber das gilt für die meisten Kameras. Ich selbst hatte keine Situation mit mehr als ISO 3200 und die Fotos sind absolut ausreichend für Druck und Web. Müssen Fotos mit hohem Rauschen nachbearbeitet werden, dann erhöht sich das Rauschen naturgemäss und hier bietet Canon spürbar weniger Reserve, als die neuen Sensoren der Mitbewerber.

Dynamikumfang bei Sonnenaufgang an Canon EOS R
Tierfotografie mit der Canon EOS R

Das Menü ist so aufgebaut, wie bei den Canon DSLRs, man fühlt sich sofort daheim. Der Griff ist gross und liegt sehr gut in der Hand (aber siehe unten). Auch die Beschriftung der Buttons kennt man und zwei Drehräder, sowie das Top-Display scheinen vorbildlich zu sein. Leider hat man weder einen richtigen Mode-Dial, noch eine Belichtungskompensation, Joystick, Plus/Minus Button, etc. Verglichen mit einer Nikon Z6 wirkt der Body minimalistisch. So lange man mit der sehr guten Touch Funktionalität arbeitet lässt sich die Kamera dennoch gut bedienen. Bei Sturm und Minusgraden auf Island sieht die Situation aber anders aus.

Touch funktioniert reibungslos. Man kann zoomen, swipen und das Menü bedienen. Das Display selbst ist hochauflösend und erlaubt mir das manuelle Fokussieren auch bei Dunkelheit. Die Kantenanhebung (Focus Peaking) funktioniert gut.

Mit Canon habe ich fotografieren gelernt und eine 6D, 80D oder 5D kann ich automatisch bedienen ohne hinzusehen. Das gelingt mir mit der EOS R auch nach zwei Wochen intensiver Arbeit nicht. Mein grösster Kritikpunkt an der Kamera ist der fehlende Joystick. Für eine Kamera in dem Preissegment ist das unakzeptabel und deswegen habe ich mehrere spontane Fotos verpasst! Die Bedienung per Touch ist vorbildlich gelöst und das Fokussieren auf dem Stativ eine Freude – wenn man keine Handschuhe anhat. Aber für spontane Portraits wird es zur Qual. Es gibt die Möglichkeit, den Fokus mit dem Finger zu verschieben, wenn man durch den Sucher schaut, aber mit einem schweren Objektiv oder Handschuhen ist (mir) das nicht möglich. Alternativ kann man einen Knopf drücken und dann mit den beiden Drehrädern! den Fokus verschieben. Die schlechteste Möglichkeit das zu lösen. Langsam und fehleranfällig.

Die Knöpfe sind kleiner und anders platziert als bei meiner 6D. Das macht den Einsatz als Zweitkamera problematisch. Backbutton Fokus ist mit Handschuhen fast nicht benutzbar, weil der Knopf nicht da ist, wo er bei (fast) allen anderen Kameras ist. Stattdessen ist er sehr klein und am Griff, so dass ich den Daumen bewegen muss und die sowieso schon schlecht in der Hand liegende Kamera noch schlechter halte. Das eigentliche Problem sind hier aber nicht die Knöpfe, sondern die Balance mit grossen Objektiven. Durch den Adapter an der kleinen Kamera liegt der Schwerpunkt sehr weit vorne. Ich habe ungewöhnlich starke Unterarme, aber ich habe Schwierigkeiten, lange mit der Kamera zu arbeiten (und versuche mir einzureden, dass es gut fürs Training ist).

Die Umschaltung zwischen Sucher und Display funktioniert sehr gut, lässt sich aber leider nicht einfach abschalten. Panasonic macht es vor und spendet dafür einen kleinen Knopf neben dem Sucher. Die Sony A7RIII deaktiviert den Sucher, wenn das Display ausgeklappt ist. Bei der Canon wechselt man häufig unbeabsichtigt, wenn man den Touch bedienen möchte (was dann nicht funktioniert). Ein scheinbar kleines Detail, das aber ständig ärgert, wenn man es anders gewohnt ist.

Canon EOS R Testbericht - Fotografieren im Studio

Video – Filmen mit der Canon EOS R

Insbesondere Filmer kritisieren die Canon EOS R Kamera gerne. In der Praxis funktioniert das aber sehr sehr gut. Man hat einen starken Crop in 4K und Profis werden mit der Bildqualität nicht zufrieden sein. Uns normalsterblichen gefällt sie aber umso besser. Man profitiert auch im Film von den schönen Canon Farben und so lange man auf dem Stativ filmt hat man kein Rolling Shutter. Der fehlende Bildstabilisator ist schade, mit dem Sigma 24-70 F2.8 Objektiv habe ich aber diverse handgehaltene Szenen gefilmt. Der Stabi vom Objektiv ist hier ausreichend – nur haben viele Objektive keinen, insbesondere die interessanten Festbrennweiten. Ich würde sehr gerne mit dem Canon 50mm und Sigma 24mm 1.4 filmen. Klein und lichtstark mit einem sehr interessanten Zoombereich. Auch das Sigma 18-35 habe ich. Leider fallen die für mich weg, wenn ich vom Stativ runter kommen möchte.

Auto-Audio funktioniert gut und ich habe einen Kopfhörer Ausgang. Der Autofokus sitzt gut und dank dem sehr guten Touch-Display kann ich auch Outdoor gut sehen, was ich filme. Egal ob vor oder hinter der Kamera. Ein Problem kann sein, dass der Fokus mit Adapter über den Motor im Objektiv erfolgt. Das ist laut und bei einem aufgesetzten Mikro deutlich hörbar. Da wir wohl alle alte Objektive verwenden möchten, ist sie für Video-Blogger eher wenig geeignet.

Der Autofokus mit Adapter ist sehr laut!

Fazit Filmen: Meine ersten Canon Videos haben positive Kommentare zum Look bekommen und die Bedienung ist eine Freude. Nur der fehlende Stabilisator ist ein echtes Problem.

Canon EOS R Autofokus

Autofokus

Als die Canon 6D Kamera herauskam hatte sie nur einen einzelnen Kreuzsensor. Aber der ist immer noch auf Augenhöhe mit den Besten. Mein Gefühl ist, dass er bei wenig Licht besser fokussiert, als die neue Canon EOS R (nicht wissenschaftlich getestet). Aber ein einzelner Sensor schränkt natürlich sehr ein. Die neue Kamera hat z. B. eine Gesichtserkennung die zuverlässig funktioniert, wenn man viel Licht hat, nah dran ist und das Gesicht gut zu erkennen ist. Der Augen-Autofokus funktioniert leider nur im Single Modus und ist damit für mich sinnlos. Wenn mein Model still hält, dann brauche ich die nicht. Sobald man die Gesichtserkennung anmacht hat man keine Wasserwaage mehr (ein sehr grosser Nachteil für Outdoor Portraits).

Fokus mit diversen Objektiven war kein Problem. Canon 50mm 1.4, 70-200, 135mm und Sigma 14-24, 24-70, 70-200 habe ich getestet und keine Auffälligkeiten bemerkt. Anders als bei einer DSLR muss man keine Autofokus Anpassung mehr machen und kann sich darauf verlassen, dass der Fokus auch bei offener Blende sitzt. Im Alltag ist der Fokus so zuverlässig, dass man ihn vergisst – bis man sich einen Joystick wünscht.

Ich habe keine Sportfotografie gemacht und kann den Einsatz dafür nicht bewerten. Daheim im Wohnzimmer unsere Katze oder die krabbelnde Tochter erwischt die Kamera auch bei gemütlicher Wohnzimmerbeleuchtung (Modus Gesichtserkennung, ohne Augenautofokus) zuverlässig. Da ich kurz vorher den Test der Sony A6400 gemacht habe, ist mir aber sehr bewusst, dass die Sony einen auffällig schnelleren AF hat. Für einen Bruchteil vom Preis. Immerhin konnte ich die gemütlich über die Straße laufenden Rentiere in Island mit dem Sigma 70-200 fotografieren.

Canon EOS R Test in Island

Bildqualität

Der Sensor ist altbekannt und man findet ausführliche Tests zur Canon 5D Mark IV. Die 5D stammt aus dem Jahr 2016 und wurde damals schon heftig kritisiert von Landschaftsfotografen. ISO-Rauschverhalten und Dynamikumfang sind nicht mehr zeitgemäß. Das ist nicht meine Meinung, sondern messbar. Die Frage ist aber, wie relevant ist das? Wer hauptsächlich Sterne fotografiert ist mit einer Sony A7S II mit Astromodifikation sicherlich besser bedient. Für alle anderen wird die Kamera aber technisch ausreichend sein. Bei Sonnenaufgängen mache ich mit einer Canon Kamera häufig Belichtungsreihen, während ich mir die Mühe mit Sony/Nikon meist nicht mehr mache. Lichtstarke Objektive lösen das ISO-Problem. In der Praxis ist das Thema also weniger relevant, als in vielen Testberichten hochgekocht. In Island hatte ich nicht einmal den Wunsch “einen anderen Sensor zu haben”, gut genug ist gut genug.

Die Schwächen des Sensors gleicht Canon mit dem Farbmanagement und den JPGs aus. Die Farben stimmen fast immer. Stimmen im Sinne von: Sie sind schöner als die Wirklichkeit. Hauttöne sind leicht angenehmer, der Sonnenaufgang etwas wärmer, die Blumen bunter, die Fotos gefallen einfach sehr. Das ist sicherlich das Geheimnis von Canon und der Grund, warum viele Käufer der Kamera versuchen eine Lanze für die EOS R zu brechen. Man hat Freude an den Fotos.

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Zusammenfassung

Genau wie bei Nikon hat Canon einen neuen Mount bereit gestellt, um neue und sehr teure Objektive verkaufen zu können (das ist meine private und spekulative Meinung). Zwar können alte Objektive mit Adapter eingesetzt werden, aber die Balance der Kamera ist damit schlecht und der Autofokus laut. Auch nach zwei Wochen intensiver Arbeit fühlt sich die Lösung noch nach „Krücke“ an. Wenn mein Kaufargument war, dass ich meine alten Objektive weiterverwenden möchte, dann ist das eigentlich nur eine temporäre Lösung. Das Argument, man könnte „bessere Objektive“ für diesen Anschluss bauen sehe ich nicht. Sigma hat mit der ART-Serie gezeigt, dass man auch für Canon-Alt sehr gute und lichtstarke Objektive bauen kann. In Island hatte Eike für seine Panasonic GH5 ein 10 mm f0.95 Voigtländer Objektiv dabei. Wenn das nicht lichtstark genug ist, dann weiss ich auch nicht.

Noch schlimmer ist aber die Unsicherheit für die APS-C Serie. Wird Canon diese auch mit dem neuen Anschluss ausstatten? Wird es dafür einen weiteren Adapter geben? Verlieren meine bestehenden Objektive jetzt schnell an Wert, weil viele Fotografen auf die neuen wechseln? Es verbleiben vor allem Unsicherheit und das Gefühl, Canon wollte uns maximal schröpfen. Ein bitterer Geschmack, wenn man einer Marke jahrelang die Treue gehalten hat.

Das Fazit ist für mich:  Canon hat eine sehr gute Kamera entwickelt, sie dann aber künstlich beschränkt um ihren hochpreisigen Markt zu schützen. Ich selbst bin jetzt in der blöden Situation, dass ich schon wieder, bzw. noch immer, auf eine wirklich gute Canon warte, an der ich mit meinen alten Canon Objektiven arbeiten kann und die mir nicht im Weg steht. Die Bildqualität überzeugt und ist so, wie man sie von der Canon 5D Mark IV kennt und schätzt. Die Bedienung hingegen ist für mich die schwächste im Segment über 1000 EUR. Das mag persönliche Vorliebe sein und natürlich gewöhnt man sich daran, wenn man nur mit einer Kamera arbeitet. Nikon hat gezeigt, dass es möglich ist, die alte Bedienung auf das neue System zu übertragen und daher war die Z7 eine Kamera, deren Test mir sehr viel Freude gemacht hat. Der aktuelle Canon-Test hingegen hat mich häufig wünschen lassen, meine gute alte 6D dabei zu haben.

Ich möchte wirklich eine solide Canon Kamera ohne Spiegel mit intuitiver Bedienung. Leider erfüllt die EOS R dies nur zum Teil.

Für das gleiche Geld kann man sich eine Sony A7II UND eine A6300 UND eine Festbrennweite kaufen.

Die Canon EOS R ist eine gute Kamera, sie ist aber nicht die von Canon angepriesene Revolution. Muss sie auch nicht, wenn sie ein solides Arbeitstier ist und Spass in der Praxis macht. Das tut sie mir nur sehr bedingt. Die Ergebnisse gefallen, weil mir die Farben ohne Nachbearbeitung besser gefallen, als bei allen anderen Kameramarken. Das sind Nuancen, aber darum geht es in der Fotografie ja auch. Hätte sie einen Joystick erhalten, könnte ich sie lieben. Hat sie aber nicht und daher erzeugt sie bei mir mehr Frust als Lust.

Mein Tipp für die Kaufentscheidung ist: Schau Dir die Bedienung sehr gründlich an und bilde Dir Deine eigene Meinung. Mir haben mehrere Personen geschrieben, dass sie den Finger-Fokus lieben. Selbst Sony und Fuji User schreiben mir, dass ihnen die Farben von Canon besser gefallen. Auch wenn die Canon EOS R “nur” den Sensor der 5D Mark IV enthält, so darf man nicht vergessen, dass es Canons “Profi-Sensor” ist und viele Berufsfotografen damit zufrieden sind.

Mehr Dynamikumfang und weniger ISO-Rauschen entscheiden nicht über ein “schönes” Foto.

Auch vor der Zeit des Sony-Augenautofokus konnte man stimmungsvolle Portraits machen.

Ein großes Problem bleibt für mich aber die Frage nach der Zukunft. Die “alten” Objektive liegen nicht gut an der Kamera. Der Schwerpunkt ist zu weit vorne und ich kann die Kamera nicht lange tragen/halten. Die neuen Objektive bringen mir aber eigentlich keinen Mehrwert und sind mir ehrlich gesagt auch zu teuer. Ein Satz Sigma Art Objektive und schon sind meine Bedürfnisse mehr als gedeckt.

Schlusswort: Behalte ich sie oder verkaufe ich sie wieder? Das habe ich noch nicht entschieden. Zu gut gefallen mir die Hauttöne meiner Familie in den JPGs, aber ich möchte wieder den Spass am Fotografieren haben, den ich mit der 6D oder Nikon Z7 hatte. Und den habe ich trotz Island mit der Canon EOS R nicht.

Auf Flickr habe ich ein paar Fotos in höherer Auflösung bereit gestellt.

Canon EOS R Kamera im Studio

Größte Nachteile

Da die Canon EOS R keinen Joystick hat und die Gesichtserkennung nur mäßig funktioniert ist die Bedienung in der Praxis eine Qual für mich. Solange man Portraits fotografiert kann man mit der Gesichtserkennung arbeiten, aber sobald die Person etwas weiter weg ist oder sich abwendet oder man Landschaften fotografiert wird es umständlich. Wenn die Gesichtserkennung an ist, wird zudem keine Wasserwaage mehr angezeigt und alle Fotos sind (bei mir) schief.

Meines Wissens ist es die einzige Kamera über 2000 EUR, die keinen Joystick hat und der frustrierende Grund wird sein (ich spekuliere), dass Canon noch eine „Profi-Kamera“ herausbringen möchte, die zwei Kartenslots und den Joystick hat.

Design und Buttons sind von der Canon M5 bereits bekannt. Leider ist Canon hier von dem langjährigen und bewährten Design der älteren Kameras abgewichen. Die Knöpfe sind kleiner und an anderer Position. Wer mit Backbutton-Fokus arbeitet darf keine Handschuhe tragen, sonst findet er den Knopf nicht. Es gibt keinen richtigen Mode-Dial mehr und das dafür vorgesehene Drehrad wird mit einem winzigen Knopf in dessen Mitte aktiviert. Er hat auch keinen zweiten Drehring, wie Nikon, Fuji und Panasonic das z.B. machen. Während ich mit einer Nikon Kamera nur sehr selten ins Menü muss, aktiviere ich es bei Canon dutzende Male am Tag. Ohne die Funktionen hinter der Q-Taste ist die Kamera nicht wirklich bedienbar, während Nikon Knöpfe für alle wichtigen Funktionen hat.

Der Fokuspunkt kann dank Touch sehr einfach verschoben werden, wenn man auf dem Stativ arbeitet. Beim Freihand Filmen fast gar nicht und mit der Kamera am linken Auge auch nicht. Wer mit dem rechten Auge durch den Sucher schaut, hat hier hingegen bessere Karten.

Der Sensor ist ein alter Bekannter. Für die meisten Situationen dürfte er mehr als ausreichend sein, aber bei Sonnenaufgängen mit hohem Dynamikumfang muss man öfter eine Belichtungsreihe erstellen, als bei Nikon und Sony. 

Der Autofokus mit per Adapter angeschlossenen alten Objektiven ist gut, aber laut. Fürs Filmen kann das deutlich stören und er wirkt leicht träge verglichen mit den neuesten APS-C Kameras, die nicht mal die Hälfte kosten. Er fokussiert aber auch bei Wohnzimmerlicht zuverlässig.

Der Sucher ist träge. Nach einem Foto hat man eine kurze Dunkelphase. Man gewöhnt sich dran, aber das kenne ich so von neuen Kameras nicht mehr.

Einen Timelapse Modus wie ihn z. B. die Canon 80D hat gibt es nicht mehr, man muss wieder einen Intervallometer anschliessen (es gibt eine stark eingeschränkte Möglichkeit über Filmen). Das wirkt wie eine künstliche Beschneidung. Auch die M-RAW und S-RAW Funktion gibt es nicht mehr (aber eine neue Funktion Seitenverhältnis). Dabei wird man nur selten die vollen 30 MP benötigen und selbst an der 6D nutze ich häufig M-RAW für Auftragsarbeiten, wenn ich weiss, dass die Fotos nur im Web verwendet werden.

Einen Bildstabilisator hat die Kamera nicht. Hochzeitsfotografen werden sich an dem fehlenden zweiten Kartenslot stören, der in dieser Preislage eigentlich selbstverständlich sein sollte.

Beim Reisen schätze ich es sehr, wenn eine Kamera per USB geladen werden kann. Das geht bei der Canon nur mit dem teuren Original Zubehör. Und mit manchen Power Banks. Nicht mit meinem USB Hub daheim und nicht mit meinem MacBook. In diversen Foren wird der Punkt intensiv diskutiert, was genau die Voraussetzung ist.

Die Filmqualität ist technisch schwach und hat einen starken Crop, wenn man in 4K filmen möchte. Wer starke Nachbearbeitungen anstrebt, hat weniger Daten zur Verfügung, als z. B. bei einer Fuji XT-3 oder Panasonic GH5, die beide deutlich weniger kosten und sogar Slow Motion in 4K anbieten. Die Filme im Standardprofil sehen aber sehr gut aus und haben die schönen Canon-Farben, so dass kurze Filme für den privaten Einsatz leicht und in ausreichend hoher Qualität erstellt werden können.

Portraits mit Canon Kamera gefallen – JPG out of camera

Größte Vorteile

Man bekommt den Sensor der Canon 5D Mark IV zu einem deutlich geringeren Preis in einem kleineren Body.

Die Canon EOS R hat ein gutes Display mit vorbildlicher Touch-Funktionalität. Dadurch ist die Arbeit auf dem Stativ sehr angenehm. Für das manuelle fokussieren gibt es nicht nur Kantenanhebung (Focus Peaking), sondern auch eine zusätzliche Schärfen-Anzeige. Damit ist es sehr einfach, auch bei Mondlicht manuell zu fokussieren. Einfacher als bei jeder anderen Kamera, die ich kenne. Auch der Sucher ist hochauflösend und angenehm zu benutzen.

Die Farben und die JPGs überzeugen. Für die Testphase habe ich überwiegend mit JPG + RAW fotografiert und mehrere Male die JPGs out of camera weiterverwendet. Meistens gibt es keinen Grund, da noch etwas dran zu schrauben. Wenn ich RAW verwende, dann stimmt der Weissabgleich fast immer. Damit meine ich nicht zwingend, dass er klinisch korrekt ist, aber er erzeugt Farben, die (für mich) häufig schöner sind, als die Wirklichkeit.

Das Menü ist von älteren Canon Kameras bekannt und übersichtlich gestaltet. Man findet sich sofort zurecht und dank Touch ist die Bedienung sehr effizient.

Ich kann schnell zwischen Foto- und Video-Modus wechseln. Auto-Sound, Belichtung, Farben, Autofokus mit Gesichtserkennung sind sehr gut und dank dem schwenkbaren Display kann ich mich beim Filmen sehen, bzw. Beliebige Kamerapositionen einnehmen.

Anders als bei einer DSLR muss man keinen Mikrofokus Anpassungen mehr für jedes Objektiv machen. Ein Austauschen von Objektiven unter Freunden ist somit z.B. einfach möglich. 

Die Objektive für Canon Vollformat haben meist einen Schalter für AF/MF und Bildstabilisator (falls vorhanden). Sony und Nikon verzichten häufig aus ästhetischen Gründen darauf und nehmen mir somit Komfort in der Bedienung.