Testbericht Sigma 105 mm Objektiv – Kurztest

Kurz-Test / Review Sigma 105 mm Objektiv

Gelesen habe ich schon oft vom Sigma 105 mm Objektiv. Das Bokeh-Monster wird es genannt oder manchmal auch einfach: Die Hantel. An der Photokina htte ich die Gelegenheit längere Zeit mit einem Sigma-Mitarbeiter zu reden, der nicht locker gelassen hat, bis ich es mir zuschicken lassen habe. Ein Fehler, denn jetzt will ich es nicht wieder hergeben. Ob es seinem Ruf wirklich gerecht wird, liest Du in diesem Beitrag.

Hinweis: Ich war nur vier Tage mit dem Objektiv unterwegs. Ich habe die Canon-Version und verwende sie mit dem Sigma mc-11 Adapter an Sony (neuste Firmware in allen Komponenten). Disclaimer: Das Objektiv ist ein Leihgerät von Sigma Deutschland.

Sigma 105 mm Objektiv an Sony A7RIIIGrössenvergleich Sigma 105 vs. 85 mm
Sigma 105 mm Objektiv Bokeh und Portrait

Bokeh Sigma 105 mm Objektiv

Mich hat die Brennweite zunächst wenig interessiert. Ein 85 mm Objektiv bekommt man schon für relativ wenig Geld, es ist häufig klein und leicht und für Indoor-Portraits ist man damit sehr flexibel. Für Outdoor bevorzuge ich ein 135 mm wie das Canon L Objektiv (Testbericht). Die 105 sind irgendwie … dazwischen und damit vielleicht ideal für diejenigen, die sich nicht zwischen 85 und 135 entscheiden können?

Das Bokeh ist jedenfalls unglaublich. Gutes Bokeh bekommen andere Objektive auch hin, aber dann häufig auf Kosten der Schärfe oder mit unschönen Übergängen zwischen Vorder- und Hintergrund. Das Sigma hingegen ist … so gut, dass es schon unwirklich erscheint. Mehrfach habe ich die Frage erhalten, ob ich eine Fotomontage gemacht hätte. Es erzeugt einen Look, den man mit anderen Objektiven so nicht erzeugen kann.

Das folgende Out of Camera Foto zeigt den Vergleich zwischen Blende 1.6 und 2.8 sehr eindrücklich. Das Auto im Hintergrund z. B. ist bei Blende 1.6 praktisch nicht mehr erkennbar und das Laub der Bäume gibt einen schönen, aber nicht ablenkenden Effekt.

Hinweis: Die folgenden Fotos sind alle Out of Camera!

Bokeh Sigma 105mm Objektiv
Herbstlaub Portrait
Portrait mit Blitz im Herbst

Autofokus

Der Autofokus an der Sony A7RIII mit dem Sigma mc-11 Adapter (Affiliate Link) ist zügig und die Augenerkennung funktioniert sehr gut. Ich hatte keinen einzigen Fehlfokus in rund 500 Bildern! Naturgemäss ist die Schärfentiefe aber so gering, dass man nur selten auf Blende 1.4 arbeiten kann, wenn man nicht mindestens auf Halbkörper-Entfernung geht. Auch Fotografieren wenn das Model auf mich zu geht funktioniert mit Gesichtserkennung.

Mit einer Canon Kamera habe ich das Objektiv nicht verwendet, da ein aufwändiges Microfocus-Adjustment nötig wäre und man nie weiss, ob ein Fehlfokus nun daran liegt oder nicht. Eine DSLR hat den Nachteil, dass nicht alle Fokuspunkte gleich sind und sie meist auch nicht in den Randbereich gehen. Ausserdem ist es ein Objektiv, das nach einem Sensor mit vielen Pixeln schreit, denn es liefert die Auflösung dafür. Objektive wie dieses sind der wirkliche Grund, warum eine spiegellose Kamera “besser” ist: Ohne Augenautofokus möchte ich hiermit nicht arbeiten “müssen”.

Einzig bei der Arbeit gegen die Sonne kommt es zu deutlichen Fokus-Problemen. Das mag am mc-11 Adapter liegen oder an der Sony, aber diesen Punkt hatte ich auch in anderen Reviews gelesen und naturgemäss haben auch andere Objektive damit Probleme. Auch treten deutliche Flares auf, wenn die Sonne wirklich mal ins Objektiv schaut. Die grosse Gegenlichtblende verhindert dies aber in den meisten Fällen. Die Probleme traten nur auf, als ich sie mit Gewalt gesucht habe. Bei der normalen Arbeit ist es kein Problem.

Gewicht 1645 g
Optischer Aufbau 17 Linsen in 12 Gruppen
Abmessungen 116X131 mm
Filtergewinde 105 mm
Vignette Sigma 105 mm Objektiv

Handhabung und Einsatzbereich

Das Objektiv ist massiv. Aber es ist kleiner und nicht schwerer, als z. B. mein Canon 70-200 F2.8, daher empfinde ich es nicht als störend. Im Gegenteil, die Arbeit ist sehr angenehm und es liegt gut in der Hand. Mit 105 mm Filterdurchmesser schüchtert es das Model ein. Das kann gut oder schlecht sein, auf jeden Fall macht es Eindruck. Die 105 mm haben aber den Nachteil, dass Filter dafür erschreckend teuer sind. Fotografieren am Mittag bei offener Blende ist aber nur mit einem Graufilter möglich. Auch führt die enorme Grösse dazu, dass man das Objektiv nur gezielt für ein Shooting mitnehmen wird. Es ist etwas besonderes und nicht ein “ich nehms mal noch mit”, wie z. B. ein 50mm 1.8 Objektiv.

Was macht man mit einem 105 mm Objektiv bei Blende 1.4?

Vor dem Test hatte ich erwartet, dass ich ein 105 mm Objektiv mit Blende 1.4 gar nicht verwenden kann. Was soll ich damit machen? Ich fotografiere Landschaften und meine Familie. Und genau da hat es mich umgehauen: Es hängen bereits nach drei Tagen mehrere neue Bilder bei uns in der Küche. Dadurch dass der Autofokus an der Sony so präzise ist, kann man wirklich mit offener Blende arbeiten. Nicht bei engen Portraits, aber Mama und Kind? Ganzkörper-Portraits? Das gibt jetzt im Herbst unglaubliche Fotos. Und entsprechend viel Spass hatten wir auch beim Fotografieren 🙂

Mehrere meiner Lieblingsfotos von diesem Jahr habe ich letzte Woche von meiner Familie mit diesem Objektiv gemacht.

Die grosse Frage ist aber doch: 85 mm, 105 mm oder 135 mm? Oder doch das 70-200? Natürlich haben alle Brennweiten ihre Berechtigung und jeder muss für sich herausfinden, was ihm liegt. Mein persönliches Fazit ist, dass ich draussen weiterhin lieber mit mehr Tele arbeite. Nicht ohne Grund setze ich das 70-200 F2.8 von Canon so gerne ein und dann meist im Bereich 150-200 mm.

Auffällig ist auch die Schärfe vom 105 mm Objektiv. Wie auch die anderen ART-Objektive von Sigma ist es bereits bei Blende 1.4 überraschend scharf, vor allem in der Mitte. Ausreichend scharf bei 1.4 und schon fast zu scharf ab Blende 2.0. Wieder so ein Objektiv, bei dem ich negative Schärfe im Lightroom einstelle, wenn mein Model älter als 16 ist 🙂

Das YouTube Video zeigt den Einfluss der Brennweite in der Portrait-Fotografie.

Augen-Autofokus an der Sony A7RIII
Mutter und Kind bei Blende 1.6

Portrait Objektiv Alternativen

Mein bisheriger Favorit, das legendäre Canon 135 mm Objektiv (Testbericht), wurde diese Woche sehr eindeutig abgelöst. Das Sigma ist schärfer, hat ein schöneres Bokeh und hält dieses auch über die Blenden. Das 135er ist nur bei 2.0 richtig schön. Dennoch ist es eine interessante Alternative, denn es wiegt und kostet deutlich weniger. Mit einem 70-200 F2.8 hat man mehr Flexibilität (aber einen noch grösseren Apparat). Da ein 85 mm Objektiv mit Blende 1.8 für die meisten Systeme zu einem fairen Preis existiert ist auch das eine gute Möglichkeit. Das wird man öfter mitnehmen – erhält aber nicht diesen speziellen Look.

Mein Fazit ist: Der Spassfaktor macht sofort süchtig. Ganzkörper-Portraits in der warmen Herbstsonne bekommen einen sehr schönen Look. Ganz ohne Nachbearbeitung.

Weitere Fotografie-Testberichte gibt es hier im Blog.

Oktober 15th, 2018|Kategorien: Fotoausrüstung|Tags: , , |