Das Sony 28mm F2.0 Objektiv wird in vielen Reviews in den Himmel gelobt. Wo seine Grenzen liegen, liest Du in diesem Testbericht. Ich habe es auf einem Fotografie Workshop in Bonn und beim Bergsteigen in den Schweizer Alpen unter extremen Bedingungen geprüft und übers Limit gequält (siehe den Abschnitt zur Wetterfestigkeit).

Trifthuette-Gletschersee

Zustieg zur Trifthütte: Gletschersee unter der Triftbrücke. Sony A7II, 28mm bei F9, Panorma aus 9 Fotos

 

Was macht man mit einem 28mm Objektiv?

28mm sind nicht weit genug für klassische Landschaftsfotografie, aber deutlich weiter als die klassischen 35mm bzw. 50mm. Und da liegen dann auch die Hauptschwächen: Freistellen kann man nur sehr bedingt, weite Landschaftsaufnahmen auch nur bedingt. Sehr gut hingegen ist es für Reporter-Style-Fotografie. Das berühmte “Mann bei der Arbeit?” Das Foto, bei dem man auch das Drumherum noch sehen soll? Das geht sehr gut. Auch Indoor, wo man mit 50mm häufig nicht genügend Platz hat.

Trifthuette Hüttenwart Wanderweg

Trifthuette: Hüttenwart Turi repariert eine Kette am Wanderweg (28mm, F2.0)

Klassiker: Mann bei der Arbeit. Man sieht, dass wir bei miesem Wetter in den Alpen sind. Ich stehe mit dem Rücken am Abgrund, hätte also den Bildausschnitt nicht weiter wählen können.

In der Küche der Trifthütte stehe ich mit dem Rücken an der Wand. Mit 28mm kann ich schon nicht mehr die gesamte Küche einfangen, aber genug, dass man sieht, wo Thomas steht und was er macht.

Abwaschen auf der Trifthuette

Abwaschen auf der Trifthuette (F2.0)

 

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Mit 28mm kann man auch schon mal normale Portraits machen – man muss einfach genügend Abstand haben. Andernfalls droht es zu Verzerrungen zu kommen. Hier bin ich auf F2.0, available light only.

 

 

Grösse, Gewicht, Handhabung

In Testberichten zum SEL28F20 (Affiliate Link) liest man häufig, dass es sehr leicht sei:

“Weighing in at 200grams, the aluminium alloy bodied Sony FE 28mm f/2 is very light for a full-frame lens” (http://www.photographyblog.com/reviews/sony_fe_28mm_f_2_review/)

Die Kombination mit der A7II ist klein genug, um die Kamera bequem den ganzen Tag in der Hüfttasche von Cosyspeed zu tragen. Ich nutze den Prototypen der neuen Outdoor Tasche (erscheint im Herbst 2016). Für die Jackentasche oder das Deckelfach des Rucksacks reicht es jedenfalls nicht mehr – anders als z.B. die Fuji X100T.

Das 6cm kurze SEL28F20 hat ein Filtergewinde von 49mm, 9 Linsen in 8 Gruppen (alle Angaben ohne Gewähr).

triftbrueckeAuf der Triftbrücke, hoch über dem Gletschersee. Mit 170m Länge ist sie eine der längsten Hängebrücken der Alpen. Ich habe die A7II mit dem 28mm in der Hand.

Die Gegenlichtblende ist sehr klein. Das spart Platz – hat aber gleichzeitig den Nachteil, dass sie weniger Schutz bietet. Im Schneeregen hatte ich sehr schnell Wasser auf der Linse. Hier wäre eine grössere Blende also besser. In den meisten Fällen wird man aber froh sein, dass sie so klein ist (irgendwer meckert immer).

 

 

Autofokus, Optische Leistungen und Grenzen

Festbrennweiten kaufe ich, um sie aufzureissen. Wenn ich auf Blende 8 fotografiere kann ich auch ein Zoom-Objektiv nehmen. Das 28mm Sony Objektiv ist bereits offenblendig scharf – in der Mitte. Am Rand hat man eine starke Vignettierung und deutlich weniger Schärfe. Sichtbar. Zwar wird man nur selten 28mm F2.0 fotografieren und Rand-Rand-Schärfe benötigen, aber wenn man das Hauptmotiv an den Rand schieben möchte, muss man Abstriche in der Qualität machen.

fuchs

Das Fuchs-Foto ist rechts zugeschnitten. Links nicht. Man sieht deutlich, dass links im Schnee … keine Schärfe ist. Alles schwammig. Hier stört das nicht, im Gegenteil. Aber wenn ein wichtiges Element am Rand ist, dann will man das natürlich nicht.

 

Wanderweg mit Markierung in den Alpen

Wanderweg mit Markierung in den Alpen: Der Fokus liegt am Rand des Fotos, nicht in der Mitte.

Achtung: Das Objektiv verzerrt recht stark. Es ist in Wirklichkeit scheinbar auch ein 26mm Objektiv. Die 2mm verliert man aufgrund der Korrektur der Verzeichnung. Wer RAW schiesst, sollte dies immer korrigieren – und sich bemühen, die Kamera sauber auszurichten. Das gilt natürlich für alle Weitwinkelobjektive.

wasser

Das Foto zeigt den Effekt: Einmal mit und dann ohne Profilaktivierung in Lightroom. Vignette und Verzeichnung sind sehr stark zu sehen.

Der Autofokus ist … typisch Sony würde ich sagen. Nicht auffällig langsamer als andere Objektive, aber definitiv nichts, was ich als “schnell” bezeichnen würde. Habe ich aber auch nicht erwartet an der A7II. Immerhin: Der Autofokus funktioniert noch mit relativ wenig Licht. Normale Zimmerbeleuchtung reicht für “normales Arbeiten”. Spielende Hunde bei Kerzenlicht wird man damit aber nicht erwischen können. Auch draussen ist der Autofokus nicht immer zuverlässig, ich habe auffällig viele Fehlfokussierungen gehabt.

In der Praxis wird man meist sehr zufrieden mit Schärfe und Kontrast sein. Die Fotos gefallen, wirken insgesamt aber etwas düster. Ich ziehe fast immer die Mitten deutlich an – was mein persönlicher Geschmack sein mag.

mann am see

 

 

Sony 28mm F2.0 und Sonnensterne

Wie bei vielen Zeiss-Sony-Objektiven für E-Mount sind die Sonnensterne quasi nicht existent. Wenn man danach googled, findet man in diverse Foren einzelne (mässige) Bilder. Ein schönes habe ich bislang alledings noch nicht gesehen und einen eigenen Stern auch noch nicht produziert – nicht nur aufgrund mangelnder Sonne. Für mich in der Landschaftsfotografie leider ein echter Schwachpunkt.

 

 

Bokeh am SEL28F20 Objektiv

Das Bokeh gefällt mir sehr gut. In der Praxis wird man sich häufig bemühen, etwas zu finden, dass nah dran ist. Nur dann kann man schliesslich freistellen. Und dann gefällt (mir) das Bokeh. Es ist in der Mitte schön rund, an den Rändern wird es Zwiebelförmig. Bis F2.8 noch schön, ist es danach hart, klein und nicht mehr rund.

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Ist das Objektiv wetterfest?

Sony.de sagt dazu: “Gegen Staub- und Spritzwasser resistente Konstruktion”. Meine eigene Erfahrung ist hier leider negativ. Im Einsatz bei Schneeregen an der Sony a7II hatte ich wiederholt Probleme: Ich konnte nicht mehr fokussieren und habe Fehlermeldungen erhalten in etwa  “das Zubehör ist nicht kompatibel”. Nach Entfernen des Akkus ging es kurz wieder, aber beim nächsten aus der Tasche holen nicht mehr. Ich hatte recht Angst um meine Kamera und habe sie schliesslich im Rucksack verschwinden lassen. Das mag an der Kombination von Temperaturen um 0 Grad und stundenlanger Ausgesetztheit bei 100% Luftfeuchtigkeit gelegen haben – aber genau dafür brauche ich die Ausrüstung. Im warmen Studio nutze ich das Objektiv nicht. Hier bin ich anderes von den L-Objekten von Canon, bzw. den entsprechenden Nikon Parts gewohnt.

Am Objektiv selbst ist auch keine Abdichtung zu erkennen. Ein Gummiring würde hier Vertrauen wecken. Ich kann daher nur abraten davon, sie bei Regen draussen zu verwenden – was ich mit meiner Canon 6D schon oft gemacht habe.

kette

Thomas und Hüttenwart Turi tauschen eine alte Kette am Wanderweg aus.

 

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(Wasserfeste Ausrüstung war hier wirklich ein Muss! Sony RX100 M1, Foto by Thomas Jack)

Nebenbei: Die NICHT wetterfeste Sony RX100 MIII war patschnass – und hat nicht gezickt. Die RX100 M1 von Thomas auch nicht.

Canon 6D ist Wetterfest

Die Canon 6D ist wirklich Wetterfest, die spüle ich auch schon mal im Waschbecken unter fliessendem Wasser ab. Das würde ich mich mit der A7II und dem 28mm definitiv nicht trauen!

 

 

Gegenlichtaufnahmen

Phillip Reeve schwärmt: “Das Objektiv ist nahezu reflexionsfrei bei Gegenlicht und auch der Kontrast sinkt trotz einer starken Lichtquelle im Bild nicht ab.”

Meine eigene Erfahrung ist da allerdings anders: Indoor zumindest ist das Objektiv auffällig schwach in Gegenlicht-Situationen. Das Foto ist beim Frühstück entstanden, die Kamera kam also nicht gerade von draussen rein. Aber genauso sieht es aus: Als wenn Wasserdampf auf der Linse wäre. ALLE Fotos in der Hütte sehen so aus.gegenlicht

Ein kurzes Drehen zeigt aber, dass Fotos ohne Gegenlicht “normal” aussehen.

 

 

Frühstück in der SAC Hütte

Frühstück in der SAC Hütte

 

Daheim konnte ich den Effekt allerdings nicht reproduzieren. Hier ist die Nachmittagssonne MIT im Bild und wir haben guten Kontrast auf Heidi. Bei diesem Foto würde ich die Flair Resistenz daher als sehr gut bewerten.

heidi

 

 

 

Fazit zum Testbericht Sony 28mm

Der Test des SEL28F20 (Affiliate Link) hat Spass gemacht. Das Objektiv gefällt. Man muss sich einfach deutlich der Grenzen bewusst sein. Wie so oft bei Sony sage ich auch hier: Preis-Leistung ist für mich fraglich. Mit dem (grösseren und teureren) Sigma 24mm 1.4 ART z.B. kann man deutlich sichtbar “andersartige” Fotos machen. Fotos, denen man ansieht, dass sie mit einer teuren Festbrennweite erstellt wurden. Das sehe ich dem 28mm so nicht an. Wer es günstig erwischt, wird damit aber wohl nicht viel falsch machen.

Ich habe mir das Objektiv nur ausgeliehen – und gebe es zurück. Aktuell ist es nicht mehr in meinem Warenkorb. Wenn ich es aber mal im Ausverkauf sehe… kann ich wahrscheinlich nicht widerstehen.

Trifthuette 216

(Reporterbrennweite: 28mm bei F2.5: Viel mit Freistellen ist da nicht)

 

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