“Du nervst!” “Das ist Müll, was Du da erzählst!” “Deine Videos sind alle zu leise!” “Ich verlasse Deinen Kanal, Du fotografierst ja nicht mehr mit Canon!” So und ähnlich prasselt es täglich auf mich ein. Wie man konstruktive Kritik anbringt – und wann man es lieber ganz lassen sollte – liest Du in diesem Blog-Beitrag.

Beruflich werde ich dafür bezahlt: Zu Meckern!

Mein Beruf ist es, sehr gut ausgebildete und meist hochmotivierte Profis zu kritisieren. Ich arbeite seit 17 Jahren in der IT, die letzten 13 davon als IT Berater in der Qualitätssicherung: Als Software Tester. Ich habe tausende Kritiken verfasst und hunderte meiner eigenen Berichte, Reports und Konzepte sind einem Review unterzogen worden. Als erfolgreichster Youtube Fotograf der Schweiz wird mir zusätzlich täglich ziemlich alles an den Kopf geworfen, was man sich so vorstellen kann. Ich kenne mich daher mit Kritik aus allen Richtungen sehr gut aus. Hier ein paar Tipps für konstruktive Kritik, wie wir sie in der Ausbildung von Software Testern vermitteln. Diese „Regeln“ haben sich in der Berufspraxis bewährt – und sind eigentlich Teil von „Gesunder Menschenverstand“, bzw. „Guter Erziehung“ – oder sollten es sein.

Konstruktive Kritik muss immer auf der Sachebene erfolgen

„Deine Fotos sind immer zu dunkel!“  Solche Sätze liest man häufig im Internet als Kommentar zu einem Foto. Ignorieren wir mal, dass diese Aussage wahrscheinlich beweisbar falsch ist (immer? zu dunkel für was?) und konzentrieren uns auf das „Deine“. Der Fotograf war wahrscheinlich stolz auf sein Foto und hat es bewusst dunkel gehalten. Oder sein Monitor ist besonders hell/dunkel eingestellt. Oder er hat einen Seh-Fehler.  Oder er wusste nicht, wie er es anders machen sollte. So oder so hilft die Kritik nicht – und greift ihn persönlich an. Entscheidend ist dabei nicht die Absicht des Kritikers (die gut gemeint sein kann), sondern ausschliesslich wie es ankommt!

Besser: Das Foto wirkt recht dunkel. Ich kann die Kirche im Vordergrund auf meinem iPhone kaum erkennen“.

Jetzt kann man über Bildschirmhelligkeit und beabsichtigte Bildwirkung diskutieren. Man diskutiert auf der Sachebene – und ist weg von der Person des Fotografen.

Niemals öffentlich kritisieren

Bei uns im Beruf ist es selbstverständlich, dass niemand öffentlich kritisiert wird. Ich schreibe keine Rundmails mit „Peter hat wieder einen Nullpointer in seiner Berechnung!“ Ich spreche entweder direkt mit Peter oder erfasse einen Fehlerbericht in dem Fehlermanagementwerkzeug, welches wir verwenden. Im Internet vergessen manche, dass ein Kommentar für die ganze Welt lesbar ist. Wenn Kommentare mit „Stephan, ich finde Du machst XXX falsch!“ beginnen, dann hätten sie vielleicht eher in eine persönliche Nachricht gehört. Völlig unverständlich ist mir dann eine empörte Reaktion, wenn ich diese Messages wie eine Mail behandle – ich lösche sie evtl. nach dem Lesen. Das heisst nicht, dass ich den Inhalt ignoriere. Aber sie war offensichtlich an mich persönlich gerichtet. Anders ist es natürlich, wenn der Inhalt einen erkennbaren Nutzen für andere Leser hat.

Auf gar keinen Fall gehört es sich, öffentlich über andere Personen zu schimpfen. Egal ob das in einer Facebook Gruppe, einem Forum oder einem Youtube Kanal ist. Dabei ist es unerheblich, ob die Kritik nett und konstruktiv gemeint war und vielleicht sogar angebracht. Wie fühlst Du Dich, wenn Du im Grossraumbüro sitzt, der Kollege kommt und knallt Dir Deine letzte Arbeit auf den Tisch und ruft laut aus: “Ich habe hier einen Fehler in Deinem Report gefunden!”. Eben. Genauso.

Es gab (fast) immer einen guten Grund für die aktuelle Situation

Als Berater werde ich meist in Projekte geschickt, die schon in irgendeiner Form gescheitert sind. Ich soll sie dann in einem „Feuerwehreinsatz“ wieder grade rücken. Was man in diesem Beruf sehr schnell lernt: Ignorier die Vergangenheit. Die Situation ist, wie sie ist. Aufgrund einer Reihe von Entscheidungen, die jemand unter Druck und mit unvollständigen Informationen gefällt hat. Meine Aufgabe ist es, von der aktuellen Situation zur Zielsituation zu kommen – nicht die „Schuldigen“ zu finden. 

In der Fotografie wird sehr viel kritisiert – ohne dass derjenige dabei war. Daheim auf dem Sofa ist es sehr einfach zu sagen, was man alles anders gemacht hätte. Bei grösseren Aufträgen mache ich eine interne Retrospektive. Das hilft mir besser zu werden. Aber ich berücksichtige dabei die Situation, unter der ich war. Ich hatte nur die Ausrüstung, die ich dabei hatte. Ich habe vielleicht gefroren, hatte Zeitdruck, Angst, schlecht geschlafen, etc. Unter den Bedingungen habe ich versucht, das beste draus zu machen. Es nützt mir dann wenig, wenn Du schreibst „Wenn Du Kamera X gehabt hättest, dann hättest Du Y machen können.“ Das mag stimmen, aber ich hatte X nicht dabei. 

Als Fotograf in Bern habe ich mehr als nur die Kamera zu berücksichtigen

Als Fotograf in Bern habe ich mehr als nur die Kamera zu berücksichtigen

Vermeide Ausrufezeichen

In Schriftform kann der Leser Deinen Gesichtsausdruck nicht sehen, Deine Stimme nicht hören. Wenn Du also ein Ausrufezeichen verwendest, dann ist es wie ein Anschreien. Statt „Das Bild ist zu dunkel!!!“ schreib doch einfach „Ich finde das Bild zu dunkel.“ Ganz andere Wirkung auf den Leser, oder?

Vermeide Verallgemeinerungen

„Du bist immer am Motzen!“. Diese Aussage kam gestern auf Facebook. Bevor Du das nächste mal so motzt, prüfe doch bitte, ob das stimmt. Dann wirst Du sehen, dass es falsch ist. Beweisbar falsch. Die meisten meiner Facebook-Beiträge haben einen positiven Ton. Verallgemeinerungen sind… im Allgemeinen falsch.

Niemand hört Kritik gerne

Wenn nicht nach Kritik gefragt wurde, dann ist es evtl. höflicher, sie nicht rauszulassen. Ich werde dafür bezahlt zu kritisieren und die Empfänger sind sich meiner Notwendigkeit bewusst. Nach der ersten Sturm und Drang Phase bin ich daher akzeptiertes Übel und Teil des Teams. Selbst stelle ich mich gerne vor mit „Ich bin Stephan, aber Du kannst mich auch arme Sau nennen“.

Was mir in dreizehn Jahren noch nicht passiert ist: Ich komme in das Büro der Entwickler und mich blicken leuchtende Augen an. Man begrüsst mich mit „Hallo Stephan, hast Du heute wieder ein paar Fehler in meiner Arbeit gefunden?“

Passiert nicht, weil niemand gerne für etwas kritisiert wird, bei dem er sich Mühe gegeben hat.

Selbst halte ich es in Fotografie-Foren und Facebook Gruppen so, dass ich keine Kritik schreibe – es sei denn es wurde explizit danach gefragt. Auf persönliche Messages mit der Anfrage zur Kritik antworte ich jedoch nicht. „Hast Du nicht mal Lust, Dir mein Portfolio anzusehen?“ Ja, die Lust habe ich. Für einen anständigen Stundensatz mache ich das solange Du möchtest. Gratis jedoch nicht. Und wenn ich es mache, dann bemühe ich mich, wirklich konstruktiv zu kritisieren.

Wiederholte Kritik tut weh – Vermeide Witze

Es ist eine Sache, wenn mir eine Person sagt, dass ich einen Fehler gemacht habe.

Wenn mir hundert Leute das gleiche sagen und jeder auch noch versucht, dabei witzig zu sein, dann wird das sehr schnell sehr sehr doof! Und nicht witzig.

Kritik sollte immer sachlich neutral vorgetragen werden. Dem Empfänger ist wahrscheinlich nicht nach Lachen. Bei engen Freunden kann das anders aussehen, im persönlichen Gespräch auch. Aber nicht in schriftlicher Form. Und immer dran denken: Wenn Du nen blöden Spruch raushaust, machen das wahrscheinlich auch 100 andere. 95 davon mit dem gleichen Spruch. Wieso glaubst Du, dass ich Deinen dann noch witzig finde?

Kritisiere nur, was man auch ändern kann

Wenn Du mir schreibst, dass ich eine Glatze habe, dann rolle ich innerlich die Augen und lösche die Mail. Ändern kann ich das nicht – stören tut es mich auch nicht. Wenn Du mir schreibst „Dein Foto hat bei ISO6400 starkes ISO-Rauschen“, dann mag das stimmen. Aber was soll ich jetzt machen? Mir eine „bessere“ Kamera kaufen und das Foto noch mal machen? Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass ich es gesehen habe. Entweder ist es mir egal (dann nutzt Dein Kommentar nichts) oder es stört mich, aber ich kann es nicht ändern (dann tut Dein Kommentar mir weh). So oder so ist kein Nutzen da und ich halte Dich für einen…

Anders sähe es aus, wenn ich gefragt hätte „Mit welchem Programm reduzierst Du ISO-Rauschen?“, dann wäre ich dankbar für konkrete Tipps.

Was ist die Absicht hinter Deiner Kritik?

Wenn man davon ausgeht, dass Kritik immer unangenehm für den Empfänger ist, dann muss es einen guten Grund geben, warum Du kritisierst. Einfach um „meine Meinung zu sagen“ ist übrigens (für mich) kein guter Grund.

Was ist Deine Sachinformation?

Deine Kritik enthält (hoffentlich) eine Sachinformation. Bevor Du senden/speichern drückst, denk doch noch mal kurz darüber nach, was diese ist. Ist sie wirklich sinnvoll? Nutzt sie dem Empfänger? Meist wirst Du merken, dass… es gar keine Sachinformation in Deiner Aussage gibt. Du wolltest einfach mal Deinen Senf dazu geben. Muss das wirklich öffentlich passieren? 

Der „Fehler“ ist evtl. Absicht!

Ich bin professioneller Fotograf. Das heisst nicht, dass ich keine Fehler mache. Sehr viele sogar. Aber im Zweifel habe ich mir wahrscheinlich etwas dabei gedacht und der vermeintlich „falsche Bildzuschnitt“ war evtl. Absicht. Du kannst natürlich eine andere Meinung haben – aber dann ist es Deine Meinung gegen meine und mir persönlich ist meine eigene (wahrscheinlich) wichtiger. Wenn Du mir also auf Instagram schreiben musst, dass Dich die Blumen im Vordergrund stören, warum musst Du das öffentlich machen? Was ist Deine Absicht, mich blosszustellen? Dich wichtig zu machen? Mich auf Dein Profil zu locken? Was erwartest Du als Reaktion? Denkst Du, ich antworte “Ah, oh, stimmt, habe gar nicht gesehen, dass 1/3 des Bildes mit Blumen ausgefüllt ist. Moment, ich lösche das, fahre noch mal an den See und mache es neu!”? Schreib mir doch im Zweifel eine direkte Message?

Akzeptiere, dass Kritik nicht akzeptiert wird

Ich versuche alle Kommentare, Mails und Messages zumindest zu überfliegen. Da ich hunderte pro Tag bekomme gehen mir jedoch auch mal welche durch die Lappen. Und ich habe nur sehr wenig Zeit pro Nachricht. Dennoch nehme ich mir die Zeit, über Kritik kurz nachzusinnen. In den meisten Fällen handelt es sich dabei um emotionale Verallgemeinerungen, die nicht nur beweisbar falsch sind, sondern auch nicht meiner eigenen Meinung entsprechen. Daher ignoriere ich sie meist. Das heisst aber nicht, dass ich sie nicht ernst nehme oder nicht kritikfähig wäre. Bin ich. Beweisbar. Sonst wäre ich in meinen Berufen nicht erfolgreich. Wenn Du nicht damit einverstanden bist, dass ich zu viel/ zu wenig Schwarzweissfotos poste oder dass ich zu viel/ zu wenig mit Sony arbeite, dann kannst Du mir jederzeit das Abo kündigen. Ändern werde ich das Dir zu liebe wahrscheinlich nicht.

Fazit

Gut fährst Du meist getreu dem Motto: Behandle Deinen nächsten so, wie Du selbst behandelt werden möchtest. Einfach mal kurz nachdenken, ob es wirklich nötig ist, dass Du den Besserwisser raushängen lassen musst und ob der Empfänger der Botschaft da Freude oder zumindest Nutzen haben wird. Würden sich mehr Leute daran halten, dann wäre unsere Welt… sehr viel netter.