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Work-Life-Balance – Selbstständig mit Kind

„Geniesst die Zeit, sie wachsen so schnell.“ Diesen Spruch höre ich aktuell sehr oft. Als Selbstständiger mit Kind habe ich die Möglichkeit, sehr viel Zeit mit meiner 7 Wochen alten Tochter Ronja zu verbringen – nur verdiene ich dann kein Geld. Beruflich reise ich viel und auch die Arbeit im Home-Office hat eine Reihe Probleme. Wie wir damit umgehen beschreibe ich in diesem Artikel.

 

Arbeit und Familie: Balance-Akt

 

Selbst und Ständig arbeiten

„Das geht so nicht weiter. Ich brauche meine Vormittage zurück!“ Es kostet mich Überwindung, das mit Kristina zu besprechen. Die ersten Wochen habe ich unsere Tochter zur frühen Morgenstunde übernommen, damit Kristina ein paar Stunden schlafen kann. „Ich drehe durch, wenn es elf Uhr ist und ich habe noch nichts geschafft. Ich kann Ronja am Abend nehmen und beliebig lange nach dem Mittag, aber ich brauche die ersten Stunden des Tages.“

Ich lebe von Social Media. Mein YouTube-Kanal zum Fotografieren lernen hat 83.000 Abonnenten, die erwarten, dass ich ständig erreichbar bin und mehrere Videos pro Woche produziere. Von den Videos kann ich aber nicht leben, die sind gratis. Ich schreibe Bücher und Blogbeiträge, bringe ein Magazin heraus und gebe Workshops. Als Landschaftsfotograf reise ich viel. Diesen Beitrag schreibe ich z. B. im Zug zwischen Hannover und Dresden. Die nächste Woche verbringe ich im Elbsandsteingebirge, eingeladen vom Tourismusverband.

Zelt an Bergsee in der Schweiz

Zelt an Bergsee in der Schweiz

Inzwischen nehme ich Ronja nach dem Abendbrot und meine Partnerin legt sich ein paar Stunden hin, versucht einen langen Schlafblock zu bekommen. Gegen Mitternacht kann ich dann schlafen und mit dem Sonnenaufgang gehe ich meistens raus in die Natur, ein Video drehen. Dann ist Bern noch still, die Luft sauber und ich habe die innere Ruhe für die Arbeit. Bis Mittag ist das Video dann meistens gedreht und grob geschnitten. Jetzt habe ich Zeit, Ronja mal für eine Stunde oder zwei zu nehmen. Inzwischen war Kristina aber zwölf Stunden „alleine“ mit ihr.

 

Arbeiten im Home-Office ist Fluch und Segen

Wenn man noch kein Kind hat, denkt man, dass es einfach sei, im Home-Office zu arbeiten. Ich kann zwischendurch das Kind nehmen und Kristina unterstützen. Und das stimmt. Aber in einer Stadtwohnung heisst das auch, dass ich nie wirklich Ruhe habe. Wenn ich ein Video aufnehmen möchte, darf Ronja nicht im Hintergrund schreien. Zum Schreiben brauche ich längere Ruhephasen, es dauert, bis ich in der richtigen Stimmung bin, um hochwertig zu schreiben. Dann kann ich nicht zwischendurch mal schnell Windeln wechseln oder eine Flasche machen.

Selbstständig mit Kind

Wandern mit dem Baby im Tragetuch

Und für Kristina ist es genauso schwierig. Sie möchte mir die notwendige Ruhe ermöglichen, aber sie kann nicht mal duschen, während ich stundenlang spazieren oder zum Sport gehe.

Für uns hat sich bewährt, dass wir den fixen Block Vormittag vereinbart haben. Mal bin ich schon um elf verfügbar, mal brauche ich bis eins. Mal stehe ich um fünf auf, mal erst um halb sieben. Aber ich kann mir meine Zeit einteilen und dafür nehme ich mir am Nachmittag viel Zeit für die beiden. Häufig nehme ich sie dann eine Weile und später machen wir einen langen Spaziergang zusammen. Aktuell schläft Ronja am Abend ab neun für gut zwei Stunden, eine Zeit, in der ich früher schon im Bett lag und die ich jetzt zum Arbeiten nutze. Schlafen wird eh überbewertet.

 

Bergsteigen und Fotoreisen

„Damit ist es bald vorbei!“, lese ich die letzten Monate häufig schadenfrohe Kommentare, wenn ich Fotos aus den Alpen poste. Und „mit Kind ändert sich alles.“ Ja. Tut es. Aber „anders“ heisst ja nicht, dass man nur noch auf dem Spielplatz hocken darf.

Mein Spezialgebiet war bislang die Abenteuer-Fotografie in den Alpen. In ein paar Monaten ziehen wir von Bern nach Niedersachsen und die letzten Wochen möchte ich noch ausnutzen, so nahe an den Alpen zu leben. Dafür muss ich nicht nur die nötige Fitness aufrecht erhalten, das bedeutet auch, dass ich viel unterwegs bin. Egal ob ich nur eine Nacht in den Alpen zelte oder ein paar Tage im Ausland bin. Wichtig ist hier, dass ich das frühzeitig mit Kristina abspreche. Dann kann sie sich Hilfe organisieren. Und ich halte meine Ausflüge kurz und gehe weniger Risiken ein, als früher. Der Preis von einem möglichen Unfall ist mit Kind deutlich gestiegen.

Nach aussen sieht das dann schnell so aus, als wenn ich „ständig unterwegs“ wäre, aber nur weil ich keinen Post schreibe „heute sass ich den ganzen Abend mit Ronja auf dem Sofa“. In Wirklichkeit haben wir den Luxus, dass ich nicht pendeln muss, am Abend nicht gestresst von der Arbeit heim komme oder jede Woche drei Nächte im Hotel verbringe, wie das früher häufig der Fall war.

Am schwierigsten ist für uns, dass Kristina nicht mitkommen kann. Zumindest aktuell nicht. Lange Spaziergänge mit Kind machen wir bereits und die nächsten Outdoor-Familien-Urlaube sind geplant. Ich war als Kind häufig zelten mit meinen Eltern und habe es geliebt. „Ostsee wir kommen!“

 

Urlaub mit der Sony RX100 M5

Schwanger unterwegs mit Schneeschuhen in den Alpen

 

Es bleibt die Existenzangst

Wenn Ronja bei mir im Arm liegt und meinen Zeigefinger mit ihrer ganzen Faust umfasst und mich ohne zu blinzeln anschaut, dann setzt das schon etwas in mir in Gang. „Ich bin immer für Dich da!“, flüstere ich ihr dann zu und meine das auch so. Bislang war ich „gross und stark und unabhängig“. Nach 15 Jahren IT-Beratung finde ich immer etwas. Aber mit Familie ist das anders. Ich kann nicht mehr einen Job in Frankfurt oder München annehmen und bei uns auf dem Dorf braucht niemand einen Testmanager.

Insbesondere als Selbstständiger ist unser Sozialsystem so ausgelegt, dass „es klappen muss“. Über die Runden kommen reicht nicht mehr. Wir bauen gerade ein Haus, in das wir unser Erspartes gesteckt haben. Jetzt haben wir zwanzig Jahre Zeit, eine Altersvorsorge aufzubauen, um nicht in der Altersarmut zu landen und nebenbei unsere Tochter durch Schule und Studium zu bringen. Und das in einem Beruf, den es vor zwanzig Jahre noch nicht gab und in zwanzig Jahren so auch nicht mehr geben wird. Mental bedeutet das durchaus eine Anspannung für mich. Ich sitze häufig zu viele Stunden am Computer, weil es immer noch einen Blogbeitrag zu schreiben, ein Video zu schneiden gibt. Wie in meinem Buch “Nicht glauben, ausprobieren” beschrieben kenne ich aber die Grenze zum Burnout und weiss, dass ich auch auf meine Gesundheit achten muss.

Familien-Kamera von Fujifilm

Der Blickkontakt mit einem Baby ist sehr emotional

 

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Selbstständig mit Kind und die Work-Life-Balance

Mit Kindern hat man “Phasen”, so sagt man mir. Jede Phase ist schön und hat ihre eigenen Herausforderungen. Wichtig ist mir, dass wir uns dadurch nicht “einschränken” lassen. Es gibt neue Termine und Verpflichtungen, ein Spaziergang braucht ein wenig Planung und kann technisch aktuell nicht anspruchsvoll sein. Ich möchte aber in zwanzig Jahren mit Freude an die Zeit zurück denken und nicht mit Reue.

Sport und gesunde Lebensweise sind bei mir Teil des Berufsalltags. Ich arbeite oft mit Profisportlern und habe selbst lange sehr intensiv trainiert. Zu einem guten Trainingsplan gehört auch die Planung von Erholung.

Wenn ich heute zum Sport gehe, dann ist das für mich genauso Arbeitszeit, wie die Sauna danach oder die zwei Stunden am Computer davor.

Für mich persönlich funktioniert unser Alltag aktuell sehr gut. Es werden andere Zeiten kommen, mit neuen Herausforderungen und neuen Freuden. Dann werden wir uns anpassen und das beste draus machen. Ronja ist gesund und entwickelt sich ganz normal und das ist das einzig wichtige für die nächsten zwei Jahrzehnte. Alles andere können wir passend machen.

 

April 23rd, 2018|Kategorien: Beruf Blogger, Beruf Fotograf, Beruf Youtube|

12 Comments

  1. Stefan 30. April 2018 um 18:19 Uhr - Antworten

    Hallo Stephan, ich verfolge dich jetzt auch schon einige Zeit. Erst habe ich nur mal rein geklickt, aber mittlerweile lese ich deine Blog Einträge und schaue mir deine Videos an. Ich habe zwei Kinder, 25,23 🤓 war auch selbstständig und habe noch nebenbei in einen großen Unternehmen gearbeitet. Ich wollte meinen Kinder halt etwas bieten. Als ich gemerkt hatte, das ich von Morgens bis spät abends gearbeitet hatte, war es schon fast zu spät. Es gab nur den Gute Nacht Kuss, da waren sie 10, 8. Ab da an habe ich es zurückgeschraubt und nur noch für das Unternehmen gearbeitet. Heute bin ich froh das ich so gehandelt habe. Was ich damit sagen möchte, verbringe jede freie Minute mit deiner Familie den sonst verpasst du ganz viel. Danke für den schönen Blog Eintrag.

    Stefan.

  2. Matthias 24. April 2018 um 21:43 Uhr - Antworten

    Hi Stefan, ich folge dir jetzt schon einige Jahre, in denen mich deine Glaubwürdigkeit, Ehrlichkeit und Offenheit immer wieder beeindruckt haben. Es ist toll, wie du das inzwischen hier oder auch in deinem Buch in Worten und Bildern ausdrücken kannst. Du bist für mich so das personifizierte Commitment … und Kristina scheint aus dem gleichen Holz 😉 zusammen schafft ihr es. Da bin ich mir ganz sicher. Und schön ist nicht nur die Babyzeit. Auch die Zeiten mit einer Teenagerin im Haushalt sind interessant und die Herausforderungen sind dann andere, aber auch von der Art, wie du sie garantiert lieben wirst. Das schreibt der Vater einer 13-jährigen Tochter.

    Danke für deine regelmäßigen Gedankenanstöße und liebe Grüße …

  3. Markus 24. April 2018 um 11:42 Uhr - Antworten

    “[…] anpassen und das Beste draus machen […]” trifft es sehr gut. Ich wünsche Euch von Herzen viel Erfolg und das alle gesund bleiben!

    • Stephan Wiesner 24. April 2018 um 11:44 Uhr - Antworten

      Danke Markus 🙂

  4. Christoph 23. April 2018 um 18:50 Uhr - Antworten

    Ich habe 3 Kinder, von daher kann ich es nachvollziehen. Meine Frau und ich sind beide berufstätig und teilweise auch dann unterwegs. Uns hilft hier ein strenges Zeitmanagement, jeder hat hier seine Freistunden über die Woche fix eingetragen. Auch haben wir 5 Tage im Jahr alleine Urlaub, ohne Kind und Partner. Das entspannt ungemein. Fotografie da unterzubekommen ist oft schwierig, ich mache mittlerweile viele Studioaufnahmen im Bereich Makro. Da kann man mal schnell zwischendurch abbrechen und wieder anfangen. Auch die 52 Wochen Challenge ist so eine Sache. Mal schaffe ich 3 Aufgaben am WE, dann wieder wochenlang nichts. Aber eins ist wichtig. Kinder bringen leben in die Hütte und ich würde es immer wieder so machen.

  5. Luise 23. April 2018 um 17:57 Uhr - Antworten

    Wieder ein sehr schöner Beitrag! 🙂

  6. Michael Schubert 23. April 2018 um 17:03 Uhr - Antworten

    Danke dir für deine Ehrlichen Worte. Sehr häufig erlebt man Eltern (meistens Mütter) bei denen es heißt, “bei uns ist das kein Problem. Das Kind schläft bis 11 Uhr…” oder “was? du hast keinen Kuchen gebacken”. Ich mag das nicht wenn man sich absichtlich gut darstellen möchte, es aber in Wirklichkeit ganz anders aussieht. Meine Frau und ich war es (unserer Meinung nach) durchaus bewusst, was es heißt ein Kind zu bekommen. Und am Ende hat es sich wie eine Schippe mehr angefühlt. Man lernt jeden Tag etwas neues, besonders über sich selbst und seine eigenen Grenzen.

    Deswegen kann ich nur zu gut nachvollziehen was es Heißt Papa/Mama zu sein. Ich wünsch euch alles gute und das bei euch alles gut wird. Vor allem mit Beruflichem, Haus und besonders Gesundheit.

    Gruß Michael

  7. Carsten 23. April 2018 um 16:48 Uhr - Antworten

    Wieder toll beschrieben und geschrieben. Ich habe mich sehr oft selbst entdeckt. Unsere Kinder sind erwachsen und leben Ihr Leben. Wir denken sehr gerne an die letzten 25 Jahre mit viel Freude zurück! Es ist nicht immer leicht, aber es ist jede Mühe Wert und bereitet noch mehr Freude!

    Danke fürs Teilhaben lassen.

    Lieben Gruß an das Familienteam

    Carsten

  8. Christian Bittner 23. April 2018 um 16:20 Uhr - Antworten

    Super geschrieben. Bin schon gespannt wie ein Flitzebogen, ob sich dein neues Buch auch so schön liest 😉 :-).

  9. Bernd 23. April 2018 um 15:52 Uhr - Antworten

    Toller Einblick und Respekt! Das Bild mit dem Bergsee ist auch sehr schön, wo ist das denn?

  10. Barbara 23. April 2018 um 15:46 Uhr - Antworten

    Danke für diesen ganz tollen und einfühlsamen Blogbeitrag…

    • Stephan Wiesner 23. April 2018 um 16:29 Uhr - Antworten

      Bitte Barbara 🙂

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