Als ich mich am Morgen aus dem Haus schleiche ist es noch dunkel. Die Straßenlaternen gehen bei uns erst um 05:30 an. Frau und Tochter schlafen noch, aber wenigstens habe ich die Kaffeemaschine angelassen. Meine Frau liebt es, wenn sie aufwacht und das Haus riecht nach Kaffee. Die Mails von letzter Nacht habe ich bereits gecheckt. Kleinigkeiten sofort erledigt, die größeren Dinge können jetzt schon mal im Unterbewusstsein rendern. Bevor ich ins Büro fahre gehe ich noch ein paar Minuten dem Hund durch die stillen Straßen. Es sind immer die gleichen Fenster, hinter denen schon Licht ist. Die ersten Vögel zwitschern bereits. Spring is coming, auch wenn sich die Temperatur nicht so anfühlt.

 

Stephan Wiesner Sport

Im Büro werfe ich die Kaffeemaschine an und schlüpfe in die Sportklamotten. Auf dem Fahrrad beantworte ich Instagram Nachrichten, dann geht’s 30-40 Minuten an die Hanteln. Nach einer eiskalten Dusche, dann zurück an den Schreibtisch. Getreu dem Motto:

Wenn meine Mitbewerber aufstehen, habe ich schon einen halben Arbeitstag hinter mir.

Gegen sieben erhalte ich eine SMS mit einem Danke-Kuss für die angelassene Kaffeemaschine daheim. Meine Frau weckt jetzt unsere Tochter. Gerne würde ich das machen, aber unter der Woche ist das einfach zu spät. Dann kriege ich mein Pensum nicht geschafft. Dafür genieße ich die Tage an denen es klappt doppelt und nehme mir viel Zeit.

Über Mittag mache ich einen langen Spaziergang mit dem Hund und normalerweise bin ich vor vier daheim, verbringe Zeit mit meiner Tochter. Meine Frau geht dann meist noch mal ins Büro. Ich koche Abendbrot und um sechs essen wir zusammen. Endlich Familien-Zeit. Die ist heilig, dann ist das Telefon für ein paar Stunden aus. Wie so viele andere geben auch wir uns im Corona Jahr häufig die Tochter und Tastatur gegenseitig in die Hand. Gegen acht bringt meine Frau das Kind ins Bett und ich gehe noch mal eine Stunde an den Schreibtisch. Mit dem Hund gehen, ein paar Seiten lesen, spätestens um 22:00 schlafe ich.

Wenn das jetzt nach Workaholic klingt ist das völlig falsch. Denn das setzt voraus, dass man Arbeit als etwas negatives, erdrückendes empfindet. Tue ich nicht. Jedenfalls nicht so lange ich ein Gefühl von Kontrolle behalte. Und das ist der entscheidende Punkt – wegen Corona planen wir nur noch wenige Tage voraus, das ist kein Dauerzustand. Aber Corona ja hoffentlich auch nicht.

Natürlich gibt es auch ganz andere Tage. In meinem Fall ist mein „Büro“ häufig ein Aussichtspunkt am Meer, ein Berggipfel oder ein Fotostudio.

Selbstständig mit Kind

 

Als unsere Tochter geboren wurde habe ich einen Artikel zu Work Life Balance mit einem Neugeborenen geschrieben. Viel hat sich geändert in den drei Jahren. Corona hat unseren Lebensalltag auf den Kopf gestellt. Heute hält mich das Kind beruflich tatsächlich zurück. Dienstlich dürfte ich ja trotz Corona reisen, aber wegen der Familie bleibe ich überwiegend daheim. Nenn mich altmodisch, aber in Krisenzeiten rücken wir noch enger zusammen. Unterstützen uns. Das hinterfrage ich nicht und da kommt auch keine Reue auf. Die vielen Stunden die ich mit meiner Tochter verbringe kann mir erst die Demenz nehmen. Wir haben eine viel engere Beziehung als wir es in normalen Jahren hätten.

Jeden Abend frage ich sie: „War heute ein schöner Tag?“

Und sie sagt jedes mal mit Begeisterung: „Ja!“. Dann weiß ich, dass wir es nicht soo falsch machen.