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Zelt in der Nacht fotografieren – So gelingt es

„Kristina?“ Pause. „Kristiiinaaaa?“ Ich stehe im Sturmwind auf 2400m neben dem Zelt von Kristina und einer Freundin. Die beiden sind wohl schon eingeschlafen, während ich draussen rumlaufe und Fotos von den beleuchteten Zelten mache. „Häh?“ kommt es schliesslich verschlafen aus dem Zelt. „Ihr könnt jetzt die Lampe ausmachen.“ Als Reaktion erhalte ich nur ein Grunzen. „Morgen früh um vier versuche ich es noch mal. OK?“ Pause. „Ja, OK“ kommt es schliesslich aus dem Zelt und ich habe ein wenig ein schlechtes Gewissen. Dann krieche ich endlich auch selbst ins Bett. Ich schlafe in dem orangen Einpersonen-Zelt Pathfinder der Berliner Firma Wechsel. Sie haben es mir zum Testen zur Verfügung gestellt und ich bin quasi frisch verliebt: Optisch ist es sehr attraktiv! Jetzt hoffe ich noch, dass es auch die angekündigte Regenfront überstehen wird. Zu meinem alten Mountain Hard Wear Zelt gibt es einen Testbericht im Outdoor-Blog. Titelfoto: Sony A7 II, 55mm bei 1.6 Sekunden.

Making of Foto vom Zelten in den Alpen

Making of Foto vom Zelten in den Alpen

 

Während der Wind über uns hinwegfegt liege ich in der Höhle meines Schlafsacks. Die Kapuze über den Kopf gezogen versuche ich warm zu werden und betrachte die Bilder des Abends. „OKisch, Mist, OKIsch, Geht so, Löschen, YES!“ Die Hand ballt sich zur Faust! Ein gutes Foto habe ich schon mal im Kasten! Der Wecker wird dennoch auf 01:00 gestellt. Der Mond geht um 00:12 auf und bis eins sollte es hell sein. Laut Wetterbericht wird es nicht aufklaren, aber rausgucken werde ich dennoch. Wir stehen exponiert am Rande eines Abgrunds und ich könnte das Zelt vor den hohen Bergen des Wallis fotografieren. Dafür bin ich hier, also stelle ich den Wecker! Mit einem tiefen Seufzen mache ich die Lampe aus und versuche zu schlafen.

Zelt unter Sternenhimmel in den Alpen

Zelt unter Sternenhimmel in den Alpen

 

Abenteuerfotografie – Das Zelt bei Nacht fotografieren

Es gibt wohl kaum ein Motiv, mit dem ich das Thema „Abenteuerfotografie“ besser auf den Punkt bringen kann, als mit einem beleuchteten Zelt auf einem Berg. Ich selbst kenne die Geschichte dahinter, mag mich an die müden Beine erinnern, die Schmerzen vom drückenden Schulterriemen und dem Fluchen am letzten Gegenanstieg. Der Betrachter sieht das nicht. Er kann wahrscheinlich nicht unterscheiden, ob ich mit dem Pickup angefahren bin und nur ausgeladen habe, oder ob ich wirklich alpin unterwegs war. Wenn ich das Material selbst tragen muss, dann bin ich eingeschränkt in den Möglichkeiten. Auch in der Wahl des Zeltplatzes und in den Möglichkeiten in der Nacht. Es kostet viel Kraft, mitten in der Nacht noch mal aus dem Zelt zu kriechen und die Füsse in die gefrorenen Stiefel zu stopfen, wenn man einen anstrengenden Tag hinter sich hat.

Zelt bei Nacht fotografieren unter Sternenhimmel

Zelt bei Nacht fotografieren unter Sternenhimmel

 

Wichtig ist es daher, seine Ausrüstung zu beherrschen – und sich darauf verlassen zu können. Wenn es kalt ist und man erschöpft und müde ist, dann macht man Fehler. Was daheim im Wohnzimmer offensichtlich erscheint, ist in der Nacht am Berg evtl. ganz anders. Immer wieder bekomme ich Anfragen in der Art „Was sind die besten Einstellungen für ein Foto von einem Zelt bei Nacht?“ Und die Antwort ist: That depends. Vollmond oder Neumond? Schnee oder dunkler Fels? Blaue Stunde oder Mitternacht? Ultraweitwinkel für den Sternenhimmel oder Tele für den Fokus aufs Zelt?

Drillausbildung lässt Dich auch unter extremen Situationen die richtigen Handlungen ausführen.

Eine der Lektionen meiner Zeit bei der Bundeswehr: Drillausbildung wirkt. Mentales Training auch. So liege ich Nachts im warmen Schlafsack und gehe in Gedanken meine Optionen durch. Welche Bildkomposition will ich haben? Wie finde ich die richtige Belichtung? Das visualisiere ich und stelle mir sogar vor, wie ich die Einstellungen vornehme. Erst dann krieche ich raus in die Kälte.

Und nie vergessen: Sicherheit geht immer vor. Kein Foto ist es wert, dafür abzustürzen.

 

Ausrüstung für die Fotografie bei Nacht

Zelt in der Nacht fotografieren – Die Ausrüstung

 

Die perfekte Beleuchtung für ein Zelt in der Nacht

Über die Jahre habe ich viele Optionen ausprobiert, um ein Zelt optimal auszuleuchten. Zum einen muss ich die Helligkeit der Lampe variieren können und das Zelt soll möglichst gleichmässig ausgeleuchtet werden. Eine Stirnlampe geht daher nicht. Man kann z.B. mit Backpapier eine Art Diffusor basteln, um das Licht der Stirnlampe gleichmässiger zu verteilen, aber richtig gut habe ich das noch nicht hinbekommen. Auch ein Blitz funktioniert nur bedingt. Er ist meist zu hell und man braucht wieder einen gleichmässigen Diffusor. Das funktioniert – aber nur mit relativ viel Gepäck. Die beste Lampe ist eine runde Camping-Laterne. Ich verwende ein Modell von Black Diamond. Die Lampe ist nicht günstig, begleitet mich aber schon lange. Sie hat einen Dimmer und auf die ISO-Matte gestellt oder an die Decke gehängt beleuchtet sie das Zelt sehr gleichmässig.

Zelt in der Nacht in der Wüste

Zelt in der Nacht in der Wüste vom Death Valley

 

Dein Zelt in der Nacht fotografieren – Die Belichtung

Um Dein Zelt harmonisch in der Landschaft zu belichten… muss die Landschaft beleuchtet sein. Bei einem Milchstrassen-Foto sieht man häufig ein schwarzes Bild mit dem Zelt als Lichtfleck am Boden und dann die Sterne am Himmel. Schöner finde ich es, wenn man auch sieht, wo das Zelt steht. Ein wenig Mondlicht hilft hier. Reflektierender Schnee oder ein See auch. Ein Lagerfeuer, die Blaue Stunde, es gibt viele Möglichkeiten. Je heller die Umgebung ist, desto einfacher ist es, mit nur einem Foto auszukommen. Bei einer mondlosen Nacht wird man kaum um eine Belichtungsreihe herum kommen, zu hell ist das Zelt im Verhältnis zur Umgebung. Entscheidend ist es hier, das Histogramm richtig lesen zu können und die Überbelichtungswarnungen anzuschalten. Das Foto vom Lagerfeuer z.B. hat ausgebrannte Stellen im Feuer. Das ist hier OK für mich, aber das Zelt selbst darf natürlich nicht ausbrennen!

Zelt am Lagerfeuer

Zelt in der Nacht fotografieren – Lagerfeuer

 

Ich gehe so vor, dass ich mich erst um die Bildkomposition kümmere. Dann mache ich ein Testfoto mit der gewünschten Blende und einem geschätzten ISO-Wert und korrigiere anhand des Histogramms die Belichtung. Auf das Display kann man sich dabei nicht verlassen. Zum einen täuscht die Helligkeit im Dunkeln sehr und zum anderen kann man dort nicht erkennen, ob das Bild nicht Stellen hat, die zu dunkel sind (was auch immer das heisst). In dem Artikel zum Histogramm zeige ich einige Beispiele. Hier noch das Histogramm vom Lagerfeuer-Foto. Das Foto hat grosse Bereiche, die einfach schwarz sind. Das ist hier gewünscht, aber dadurch erkennt man nicht mehr, dass wir unter Riesenbäumen in Kalifornien sitzen. Dagegen zeigt das Histogramm vom Wüsten-Foto deutlich, dass man die Umgebung auch noch erkennen kann.

 

 

Fazit

Ein Zelt in der Landschaft ist… ein Landschaftsfoto. Brennweite und Kameraeinstellungen können also sehr variieren. Für ein „schönes Foto“ gelten die gleichen Regeln der Bildkomposition wie am Tag. Nur die Belichtung ist schwieriger – und einfacher. Denn die Belichtung des Zelts hast Du unter Kontrolle. Du kannst Dich daher auf die Umgebung belichten und dann die Helligkeit vom Zelt variieren. Wie immer in der Fotografie gilt auch hier: Das Foto wird schöner, wenn Du vor etwas schönem stehst. Ein oranges Zelt ist meist attraktiver als ein grünes und das Zelt auf dem Gletscher „spannender“ als am Baggersee.

Die hier gezeigten Fotos geben ein Gefühl dafür, dass es nicht auf die Ausrüstung ankommt. Verschiedene Kameras, verschiedene Objektive und vor allem sehr unterschiedliche Einstellungen. Fotografieren lässt sich eben nicht auf ein Rezept herunterbrechen, wenn man draussen in der Natur ist.

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Zelten im Schnee - Fotograf Schweiz

Zelten im Schnee – Fotograf Schweiz

 

7 Comments

  1. Tom Pohorski 18. Juli 2017 at 10:56 - Reply

    Der Pickup entwickelt sich langsam zu einem Running Gag 😉

  2. Jan 17. Juli 2017 at 12:21 - Reply

    „Fotografieren lässt sich eben nicht auf ein Rezept herunterbrechen“
    kleiner Seitenhieb an BJ? 😂

    Wie immer ein schöner Artikel, freue mich schon, ab morgen wieder in den Alpen fotografieren zu gehen 🙂

    • Stephan Wiesner 17. Juli 2017 at 12:29 - Reply

      Nein, der hat das doch nur nachgemacht.

      • Jan 17. Juli 2017 at 16:16 - Reply

        ich meinte diese Bücher „Fotos nach Rezept“

        • Stephan Wiesner 17. Juli 2017 at 17:12 - Reply

          Die von Scott Kelby oder die aus Berlin? Eine Serie ist gut, die andere… kenne ich nicht.

  3. Norman 16. Juli 2017 at 13:11 - Reply

    Guter Artikel wie immer. Hast du auch einen was du so an Ausrüstung für so eine Tour mitnimmst (nicht Fotoequipment)? Das wäre auch mal ganz interessant. Vor allem Verpflegung und Kleidung. Du hast da ja schon eine Menge Erfahrung.

    • Stephan Wiesner 16. Juli 2017 at 13:32 - Reply

      Das ist sehr individuell und hängt von der Tour ab. Klettern oder nicht, Steigeisen oder nicht, Winterkleidung oder … Winterkleidung. Zwei Tage oder eine Woche, etc.

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